Was einen guten Anführer ausmacht…

…und warum es dafür Selbstbewusstsein braucht

Guter Anführer_mit_Text

Was für Assoziationen schießen Ihnen in den Kopf, wenn Sie die Überschrift lesen?
Was macht einen guten Anführer aus?
Vielleicht, dass er seine Hunde kontrollieren kann? Sie ihm gehorchen? Seine Kommandos ausführen?

Nehmen wir diese Kriterien als Grundlage, einen guten Anführer zu definieren, denken wir zu kurzsichtig. Es geht nicht primär um das Ergebnis „gehorchender Hund“ – viel wichtiger ist der Weg dorthin.
Wann ist ein Hund bereit, seinem Menschen zu folgen?

Ich behaupte, es liegt nicht an den richtigen Leckerchen oder deutlich ausgesprochenen und vielfältig trainierten Kommandos.
Sie können einen Hund in einem gewissen Maße über Kommandos „kontrollieren“. Ihr Hund wird sich Ihnen aber, gerade in schwierigen Situationen, nur dann vertrauensvoll anschließen, wenn Sie mit sich selbst im Reinen sind; wissen, was Sie wollen und dieses souverän umsetzen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind der Chef einer Firma, Ihr Hund ein Mitarbeiter.
Über Regeln und Erlasse können Sie kontrollieren, dass Ihr Mitarbeiter nichts tut, um der Firma zu schaden. Er wird vielleicht einen guten Job machen, weil er regelbewusst ist – oder sich vor Konsequenzen fürchtet. Er wird seine Pflichtarbeitszeit erledigen – und froh sein, wenn er nach Hause gehen kann.

Wann aber wird er nicht nur sein vorgegebenes Arbeitspensum erledigen, sondern all sein Herzblut in seine Arbeit stecken, aufgehen in seiner Tätigkeit?
Nur dann, wenn er sich mit seiner Arbeit identifiziert, weil sie ihm wichtig ist und weil er sie als sinnvoll ansieht.

Wann wird er, wenn ihn eine Aufgabe fordert, Hilfe bei seinem Vorgesetzten erfragen?
Nur, wenn er diesen als kompetent und souverän erlebt und sich gleichzeitig als Mitarbeiter wertgeschätzt fühlt.

Übertragen wir das Beispiel wieder auf die Mensch-Hund-Beziehung. Über konditionierte Kommandos wird ihr Hund Ihnen im Idealfall folgen, wenn Sie es verlangen (und ein Außenreiz nicht größer ist und als Filter wirkt). Teamaufgaben mit Freude erledigen, sich an Sie wenden, wenn er mit einer Situation überfordert ist, wird Ihr Hund sich nur dann, wenn er Sie als authentisch und kompetent erlebt, und sich von Ihnen wertgeschätzt fühlt.

Wann aber wird er Sie so erleben? Wodurch verkörpern Sie die genannten Eigenschaften? Und was hat das alles mit Selbstbewusstsein zu tun? Um der Antwort näher zu kommen, möchte ich im Folgenden die für mich zentralen Begriffe Kompetenz, Authentizität und Wertschätzung genauer beleuchten.

Kompetenz
Fangen wir mit Kompetenz an. Ich verstehe darunter, dass ein Hundehalter grundlegende Kenntnisse über hündische Kommunikation hat und diese anwenden kann. Das bedeutet für mich nicht, dass ein Halter wirklich alles über Hunde wissen muss. Genauso wenig, wie der Chef einer Firma alle Fragen seiner Angestellten ad hoc beantworten kann. Kompetenz fällt nicht einfach so vom Himmel. Sie wird durch Erfahrung erworben.

Es sind aber zwei Dinge entscheidend:
a) Egal, ob wir von Chef oder Hundehalter sprechen: Er sollte wissen, an wen er sich wenden oder um Hilfe bitten kann.
b) Er sollte bereit sein, dieses zu tun.

Es fällt vielen Menschen nicht leicht, Hilfe zu erfragen. Die Angst ist groß, als „unzulänglich“ angesehen zu werden. Hilfe von jemand anders zu erbitten bedeutet gleichzeitig, sich in Abhängigkeit zu begeben, und sei es auch nur von kurzer Dauer. Wer mit einem großen Selbstbewusstsein gesegnet ist, dem fällt es nicht schwer. Er ist mit sich selbst zufrieden und hat dementsprechend kein Problem damit, zuzugeben, dass auch er Schwächen hat. Schwierig ist es für die Menschen, die mit sich selbst nicht zufrieden sind, glauben, nur durch Leistung etwas wert zu sein. Für diese kann es eine große Überwindung darstellen, jemand anders um etwas zu bitten und sich und dem anderen damit einzugestehen, „unzulänglich“ zu sein.

Je mehr Sie aber bereit sind, nachzufragen und um Hilfe zu bitten, desto mehr lernen Sie über Ihren Hund und sich selbst. Das führt weiter dazu, dass Sie zunehmend souveräner mit Situationen umgehen können und ein breites Handlungsspektrum entwickeln.

Authentizität
Kommen wir zur Authentizität. Die ehrlichste Art und Weise, mit seinem Hund umzugehen, ist… ehrlich mit ihm zu sein.

Wenn wir uns über unseren Hund freuen, sollten wir ihm das zeigen. Dazu kann gehören, ein lautes „Juhuuuu“ zu rufen, wenn unser Hund es geschafft hat, sich vom reizenden Anblicks eines Artgenossen zu lösen und stattdessen in Windeseile zu uns gelaufen kommt.
Dazu darf auch gehören, sich dem Hund mit in die Hüften gestemmten Händen entgegen zu stellen, wenn er sich lange entfernt hat, Aufforderungssignale ignoriert hat und anschließend „angeschnöselt“ kommt.

Aber beides setzt ein bisschen Mut voraus. Solange wir allein mit unserem Hund sind, macht es uns vielleicht nichts aus, ausgelassen mit ihm zu spielen und uns dabei über den Boden zu kugeln. Aber sind erst einmal ein paar zufällige Zuschauer dabei, fangen schnell die Gedanken an zu arbeiten: „Was könnten die über mich denken? Finden die mich peinlich?“

Seinem Hund Grenzen zu setzen, z.B., weil er seinen Halter ignoriert hat und nun wieder ankommt, kann noch schwieriger sein, insbesondere, wenn man weiß, dass die anderen Anwesenden ausschließlich über Belohnung arbeiten. „Halten die mich für gewalttätig?“, mögen Sie vielleicht denken, während sie einen Schritt auf Ihren Hund zugehen und dieser dabei einen halben Satz nach hinten macht – ohne, dass Sie ihn berühren, nur, weil er spürt, dass Sie sauer sind.
Vielleicht sehen Sie die anderen Halter dann noch tuscheln, oder es schüttelt gar jemand den Kopf. Das auszuhalten, sich dabei sicher zu sein, das Richtige zu tun, ungeachtet dessen, was andere denken, bedarf Selbstbewusstsein.

Wertschätzung
Zu seinem Hund eine gute Beziehung zu haben, eine Ebene über das Ausführen von Befehlen hinaus, weiter zu gehen, setzt voraus, dass wir unseren Hund, mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen wertschätzen.
Ich meine nicht, dass jedes Fehlverhalten toleriert werden muss. Aber wie jedes Individuum hat auch unser Hund Macken, die wir ihm nicht „ab-erziehen“ können. Im Idealfall auch nicht wollen, weil wir ihn so nehmen, wie er ist.

Ein anderes Wesen so anzunehmen, wie es ist, braucht Toleranz und Verständnis. Besonders schwer kann das fallen, wenn wir in einem anderen Menschen oder im eigenen Hund unsere eigenen „Schwächen“ erkennen…

Nur, wer dieses Verständnis für sich selbst aufbringen kann, um seine eigenen Schwächen weiß und sich selbst dennoch akzeptiert, kann dieses Verständnis auch für andere aufbringen. Dazu gehört auch, in der Öffentlichkeit zu seinem Hund zu stehen. Benimmt er sich vorbildlich, fällt dieses nicht schwer. Zur Herausforderung wird es, wenn wir Zuschauer haben, während unser Hund eine Ansage von uns ignoriert und „sein eigenes Ding“ macht; wenn er einem Hasen hinterher jagt oder einem anderen Hund. Wenn er im Dunklen einen Mann mit einem wehenden Mantel ausbellt oder den Briefträger anknurrt.

Vielleicht sehen wir uns noch einem ironischen oder kritischen Kommentar ausgesetzt. Lassen wir uns davon beeindrucken, kommen wir schnell ins Zweifeln. „Bin ich ein guter Hundehalter/ eine gute Hundehalterin?“
Erst, wenn ich mich davon lösen kann, mich selbst in Frage zu stellen, stattdessen zu denken „So ist er halt. Es ist nicht meine Schuld.“, oder: „So ist er, ich weiß woran es liegt und es ist OK für mich.“ können wir mit solchen Situationen souverän umgehen.

Beziehen wir „Fehlverhalten“ allzu schnell auf uns, erziehen wir an unserem Hund herum, obwohl wir selbst es sind, die Arbeit an unserer Persönlichkeit benötigen. Nicht, um perfekt zu werden, sondern um Toleranz für uns selbst zu entwickeln.

Resümee
Die ausgeführten Eigenschaften müssen natürlich nicht die Voraussetzung sein, einen Hund zu haben. Sie müssen sie auch nicht alle nur für Ihren Hund mitbringen oder entwickeln.
Von den Erfolgen profitieren Sie auch in anderen Bereichen Ihres Lebens; sei es im Beruf- oder im Privatleben. Anderen und sich selbst Schwächen zuzugestehen und sich selbst dennoch (oder gerade deswegen!) zu mögen; authentisch sein zu können und kompetent zu agieren – oder um Hilfe zu fragen, wenn Sie selbst nicht weiter wissen; das sind Eigenschaften, die Ihnen in vielen Bereichen Lebensqualität verschaffen.

Zum anderen haben Sie auf dem Weg zu ihren Zielen einen Begleiter: Ihren Hund.
Nicht nur, dass er ein großer Motivator ist, indem er den Grund für Sie gibt, sich zu ändern. (Und damit allein spielt er schon eine wirklich wichtige Rolle!)
Er ist dabei auch stets an Ihrer Seite. Es gibt kaum einen ehrlichen Feedback-Geber. Er wird Ihnen spiegeln, wann Sie wirklich authentisch sind – und wann Sie sich anders verhalten als das, wie Sie sich gerade fühlen. Ihre Wertschätzung wird er Ihnen freudig danken – und Sie Ihnen ebenso zurückgeben. Ihre Kompetenz, ein vielfältiges Handlungsspektrum, wird dazu führen, dass Sie Ihren Hund besser verstehen und auf unterschiedliche Situationen passend reagieren können – und sie so noch einmal eine besonders tiefe Beziehung mit Ihrem Hund eingehen können.

Bei all dem sind Sie nicht allein. Ihr Hund ist Ihnen Freund, Coach und Spiegel Ihres Selbst.
Ich finde, es gibt kaum bessere Voraussetzungen. Also, haben Sie Mut den ersten Schritt zu gehen. Es gibt nichts zu verlieren – aber viel zu gewinnen.

Kategorie(n): Allgemein, Führung, Training

5 Antworten auf Was einen guten Anführer ausmacht…

  1. Ein sehr gut formulierter, informativer und hilfreicher Artikel!

    Wie Du be-schreibst, ist die Grundlage für einen Hunde-/Rudelführer Souveränität, Klarheit, Kommunikation + Körpersprache, Vertrauen, Empathie, Know how und auch bedingungslose Liebe.

    All das kann nur vermitteln, wer seiner Selbst bewusst ist.

    Und darum coache und berate ich genau das: Selbst bewusstes Sein er-leben!

    Wer das FÜR sich und sein/e Tier/e erfahren will, verändert nicht nur das Miteinander zwischen Tier und Mensch/Familie, sondern erfährt, dass auf/in allen Lebensbereichen Veränderungen geschehen, die bereichernd sind, erfreulich, erleichternd, wertvoll … manchmal auch erstaunlich, aber immer angemessen für diesen Menschen.

    Hab mich gefreut!

    Herzlich
    Johanna-Merete

    Gabriele Keybe sagt:

    Liebe Johanna,
    ein sehr schöner Artikel, den ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Erinnert mich sehr an meinen eigenen Weg mit unseren Hunden und über die wunderschöne Entwicklung bis heute. Es ist ein so tolles, intensives Gefühl wenn sich diese Vertrautheit zwischen Mensch und Hund entwickelt hat und sich immer weiter festigt. Das macht Stark auf beiden Seiten. Ich bin stolz darauf, daß wir es zum Mensch-Hunde-Rudel geschafft haben und dankbar, daß du uns als Hundetrainerin den Weg dorthin gezeigt bzw. ein Stück weit begleitet hast.
    Liebe Grüße von Gabi mit Lello und Mara

      Johanna Pelz sagt:

      Liebe Gabi,
      es tut gut, so ein schönes Feedback zu lesen.
      Dass Ihr es so weit geschafft habt, ist Euch allen zu verdanken – vor allem Euch Menschen und besonders Dir, die Du bereit warst, an Dir selbst zu arbeiten. Einen riesengroßen Daumen hoch dafür Smilie: :)
      LG,
      Johanna

  2. Liebe Johanna,

    es ist jedes Mal ein Vergnügen deine Artikel zu lesen (und ich habe schon einige gelesen Smilie: :))
    Ich habe seit nun 10 Monaten meinen ersten eigenen Hund, den ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen zu einem treuen und möglichst zuverlässigen Partner „heranzuziehen“. Leider gibt es bei der Hundeerziehung sooo unendlich viele Methoden und unterschiedliche Ansichten, die es einem Anfänger tatsächlich nicht sehr leicht machen den richtigen Weg für sich selbst zu finden.
    Beim Lesen deiner Artikel und beim Anschauen deiner Videos habe ich zum allerersten Mal das Gefühl, dass du den Umgang mit Hunden genau so gestaltest wie ich es mir immer vorgestellt habe…Ich habe verzweifelt nach hilfreichen Anleitungen oder Impulsgebern gesucht und dabei bisher immer nur Teile bruchstückhaft von irgendwelchen Experten oder Hundetrainern übernommen und für mich neu zusammengesetzt (das ganze natürlich auch mit einigen Irrtümern und viel Rumprobierei).
    Vielen Dank, dass du dir so viel Mühe mit deiner Arbeit gibst und motivierten, lernbereiten aber unerfahrenen Hundebesitzern wie mir dadurch eine wahnsinnige Hilfe bist Smilie: :))

    Man merkt einfach, dass du das, was du tust mit ganz viel Liebe, Leidenschaft, Herz und Verstand tust. Mach weiter so!!!
    Lieben Gruß
    Nadine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich freue mich über Kommentare und Anregungen!