Die Suche nach dem richtigen Knopf

Denkanstoß: „Die Suche nach dem richtigen Knopf“

Ach, was wäre das Leben schön, wenn wir unsere Probleme mit einem Knopfdruck lösen könnten, oder? Es wäre so einfach. Einmal drücken – Problem erledigt.
Auch im Leben mit unseren Vierbeinern wäre das wünschenswert:
Dein Hund jagt? – Drücke hier auf diesen roten Knopf und Dein Vierbeiner ignoriert ab jetzt jeden Hasen.
Dein Hund pöbelt Artgenossen an? – Nachdem Du diesen grünen Knopf gedrückt hast, freut er sich über jeden Hundekumpel zum Spielen.
Ach ja – was wäre das nett.
Aber wie heißt es so schön? „Wir sind nicht bei „Was wäre wenn…“, sondern bei „So ist es.“ –
und so ist leider die bittere Wahrheit: Es gibt diesen Knopf nicht.

Wenn der eigene Hund ein unerwünschtes Verhalten zeigt, dann bedeutet das meist, dass man Arbeit investieren muss, um dieses Verhalten nachhaltig zu verändern.
Insbesondere, wenn sich dieses Verhalten schon über einige Zeit eingeschliffen hat.
Es hilft kein Jammern, und auch kein „von Trainer zu Trainer“-Laufen – eine schnelle Lösung gibt es (fast) nie.
Sollte Euch eine prompte Lösung angeboten werden, so solltet Ihr kritisch hinterfragen, ob die angewandte Trainingsmethode wirklich das Verhalten nachhaltig verändert – oder nur einen „Deckel“ auf den Topf hält. Denn es könnte sein, dass der Deckel nur so lange funktioniert, bis der Topfinhalt überkocht…sprich: Wird ein Verhalten nur unterdrückt, wird es sich u.U. woanders einen Weg suchen, und das Problem wird sich nur verschieben.
Oder aber, ein sensibler Hund wird so in ein Meideverhalten gebracht, dass er nur noch gedeckelt durch die Gegend läuft – und das wird wohl (hoffentlich) niemand wollen, der seinen Hund als Sozialpartner sieht.

Aber wir sollten nicht enttäuscht sein über die Perspektive, dass eine Verhaltensveränderung Zeit braucht und gemeinsame Arbeit bedeutet.
Jede (!) Beziehung funktioniert nur (!) so.
Es wird ab dem Zeitpunkt viel leichter, wo wir uns klarmachen, dass eine Beziehung (auch zu einem Hund) im stetigen Wandel ist. Dass es nie „einfach so“ von Zauberhand klappt. Dass das aber auch nicht schlimm ist.
Unsere Hunde sind doch unsere Freunde, unser Hobby, für viele noch mehr als das, nämlich eine „Lebenseinstellung“ – da ist es doch das Mindeste, dass wir in sie Zeit investieren, um uns gemeinsam weiterzuentwickeln. Und wie schön und befriedigend ist es, wenn wir sehen, dass sich diese Mühe auszahlt – darin, dass gemeinsame Spaziergänge mehr Spaß machen, man mehr entspannen kann, der Hund freudig bei einem bleibt, und freudig zurück kommt – mit einem regelrechten Lächeln auf den Lefzen.

Den Knopfdruck zum „erwünschten Programm“ lassen wir dann schön abends beim Fernseher.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
(Darf unetr Angabe des Copyrights gern geteilt werden!)

Kategorie(n): Allgemein, Führung, Training

Jagenden kann geholfen werden – Teil 3

Im 3. Teil unserer Jagd – Artikelreihe geht es darum, warum Hunde beim Jagen einen regelrechten (Hormon)Kick erleben, was das für den Aufbau von alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten heißt, welche Beschäftigungen NICHT geeignet sind, und welche Unterschiede und auch Zusammenhänge zwischen Jagen und Aggression bestehen.

Im Rausch – Von der Sucht nach Dop(e)amin

Wenn ein Hund jagt, wird ein Cocktail chemischer Botenstoffe / Hormone ausgeschüttet, der extrem selbstbelohnend wirkt und unter bestimmten Bedingungen sogar süchtig machen kann.
Die wichtigsten Beteiligten sind das Adrenalin, Noradrenalin und das Dopamin.

Diese Hormonmischung hat es „in sich“. Sie macht den Hund besonders leistungsfähig und sorgt für eine Fokussierung auf die Beute. Sie mobilisiert die vorhandenen körperlichen Reserven. Der Herzschlag wird erhöht, die Atmung beschleunigt und die Leber wird angeregt, zusätzliche Zuckerreserven freizusetzen. Gleichzeitig wird der Hund schmerzunempfindlicher. Der Sauerstoffaustausch wird zusätzlich zur beschleunigten Atemfrequenz optimiert.
Adrenalin hat eine Halbwertzeit von ca. 20 Minuten, was bedeutet, dass nach 20 Minuten noch die Hälfte vorhanden ist, nach weiteren 20 Minuten noch ein Viertel, nach weiteren 20 Min noch ein Achtel, usw. Der vollständige Abbau auf einen normalen Wert dauert also dementsprechend lange.

Das Dopamin ist ein körpereigenes Opiat und sorgt vornehmlich für eine sehr effiziente Selbstbelohnung. Unter Dopamineinfluss empfinden Hunde ein extremes Glücksgefühl, das sie gerne immer wieder erleben möchten. Es wird also wahrscheinlicher, beim nächsten auslösenden Reiz Jagdverhalten zu zeigen, weil sich der Organismus daran „erinnert“, welch tolles Gefühl das Jagen / Hetzen die Male davor erzeugt hat. Es hat eine kurze Halbwertszeit (1-5 min) und wird unter anderem zu Adrenalin abgebaut.

Ursprünglich war das Ausschütten dieses leistungssteigernden und selbstbelohnenden Hormoncocktails während der Jagd sehr wichtig . Die Natur hat damit für zwei grundsätzliche Dinge gesorgt:

1.) Wiederholung trotz Misserfolg. Normalerweise unterliegen Verhaltensweisen, die für ein Individuum nicht zum Erfolg führen, also keinen Vorteil bringen, einer Löschung. Sie werden immer weniger oft wiederholt, bis sie evtl. gar nicht mehr gezeigt werden. Da davon auszugehen ist, dass eine begonnene Jagd nicht immer zum Erfolg führt, der Beutegreifer aber auch nicht verhungern darf, hat die Evolution ihn mit dem oben beschriebenen dopaminbasierten Selbstbelohnungssystem ausgestattet. Besonders eine am Anfang der Verhaltenskette „Beutefangverhalten“ stehende Handlung ist davon „betroffen“, nämlich das Hetzen. Somit ist garantiert, dass die Handlung des Hetzens trotz Entkommens der Beute immer wieder gezeigt wird.
2.) Der hündische Organismus ist extrem leistungsfähig. Er mobilisiert alle vorhandenen Leistungsreserven. Die herabgesetzte Schmerzempfindlichkeit lässt den Hund während des Jagens entstehende Verletzungen nicht spüren, geschweige denn, die Jagd deswegen zu unterbrechen. Dies hilft ihm, Hindernisse wie Dornenhecken und dichtes Unterholz einfach zu durchlaufen. Bei der Jagd eingesetzte Terrier werden regelmäßig von Wildschweinen schwer verletzt, erfüllen aber trotzdem „ihre Pflicht“, bis sie eingesammelt und wieder zusammengeflickt werden. (Ich möchte betonen, dass ich solche Jagdeinsätze nicht befürworte, doch sie sind beispielhaft für den von Rausch und von Schmerzunempfindlichkeit beherrschten Zustand, in dem sich jagende Hunde befinden.)

Wenn man sich diesen Zustand vor Augen führt, wird klar, warum ein jagender Hund mit akzeptablen Mitteln nicht mehr erreicht werden kann, und dass ein sinnvolles „Antijagdtraining“ nicht darauf ausgelegt sein darf, einen jagenden Hund in seinem Tun zu unterbrechen, sondern darauf, dass er gar nicht erst jagen geht. Prävention ist hier das Zauberwort.

So viel Sinn das Ausschütten dieses beschriebenen Cocktails nebst all seiner Eigenschaften für den wild lebenden Caniden macht, so viele Probleme bereitet es Haltern von Hunden, deren Talente im Beutefangverhalten liegen. Dabei geht es nicht nur um jene Vierbeiner, die in der Natur Beutetieren nachstellen, sondern auch um die, die alle möglichen Objekte verfolgen, sobald sie sich bewegen.
Die hocheffiziente Selbstbelohnung des Hetzens ist für viele hündische Verhaltensweisen verantwortlich, mit denen nicht nur unsere menschliche Gesellschaft Probleme hat, sondern auch der Hund selbst. Sie macht es erst möglich, dass Hunde zu sogenannten Balljunkies werden können.

Bei Hunden, die Tag für Tag damit beschäftigt werden, dass ihnen immer wieder Bälle, Frisbees, Stöckchen oder andere Objekte geworfen werden, denen sie dann unreflektiert nachjagen, sorgt die Selbstbelohnung des Hetzens dafür, dass sie früher oder später eine Sucht danach entwickeln. Sie haben nichts anderes mehr im Sinn, als ihr Wurfobjekt. Ihnen ist egal, wer es wirft, Hauptsache, es fliegt, denn der Kick, den sie dabei erleben, findet weit weg vom werfenden Menschen statt. Somit wird das berauschende Glücksgefühl noch nicht einmal mit dem dem Halter positiv in Verbindung gebracht. Der Mensch wird zur anonymen Wurfmaschine seines Hundes.

Abgesehen davon, dass solche Balljunkies mit einem stetig erhöhten Stresshormonlevel klarkommen müssen, birgt das immer wieder künstlich durch unwissende Hundehalter ausgelöste Hetzen weitere Gefahren.
Es kann eine Generalisierung in der Form stattfinden, dass zum eh schon falsch gelernten Beuteobjekt „Ball“, andere sich bewegende Dinge hinzukommen. Das kann soweit gehen, dass Hunde im Angesicht einer weit entfernten Autobahn wild kläffend in der Leine hängen, weil sie die dort fahrenden Autos verfolgen wollen.
Wirklich tragisch wird es, wenn Balljunkies auf Hundefreilaufflächen mit ihren Suchtobjekten „beschäftigt“ werden. Dort kann es zu schlimmen Unfällen durch fehlgeleitetes Beutefangverhalten kommen, wenn die schon genannte Reizsummenregel greift. Diese besagt nämlich, dass ein jagdlich relevanter Reiz umso interessanter wird, je mehr jagdauslösende Eigenschaften er in sich vereint.
Ein (großer) Hund, der seinem Ball nachjagt, wird genau dann vor eine Entscheidung gestellt, wenn dieser Ball neben einem (kleinen) weißen Hund mit Strubbelfell landet. Sein Gehirn entscheidet in Sekundenbruchteilen, welchem Reiz zu entsprechen jagdlich erfolgversprechender ist. Es entscheidet, ob es sinnvoller ist, einen neongrünen Ball zu packen, oder ein puscheliges Fellbündel, das sich auch schnell bewegt und vielleicht sogar hohe Töne von sich gibt.
Diese oft fatale Entscheidung kann der Hund nicht willentlich beeinflussen, und sie kann schnell mit dem Tod eines kleinen Lebewesens enden.
Selbst Menschen können von Hunden verletzt werden, die fehlgeleitetes Beutefangverhalten zeigen. Dabei handelt es sich oft um Kinder, die zufällig mit ähnlichen Objekten spielen, mit denen der Hund normalerweise seine Hetzleidenschaft befriedigt. Zunächst wird vom Hund das Objekt (meistens ein Ball) anvisiert, worauf er losrennt. Ein Kind, was einen Hund auf sich zurechnen sieht reagiert naturgemäß mit Flucht. Fällt das flüchtende Kind nun noch hin und / oder schreit dabei auf, passiert unter Umständen etwas ähnliches, was ich schon beim Beispiel mit dem kleinen puscheligen Hund beschrieben habe.
Genau einem solchen Fall haben wir unsere (unsinnigen) Hundeverordnungen zu verdanken – aber das ist ein anderes Thema.

Die Quintessenz ist, dass besonders Hunde mit Jagdmotivation NICHT mit dem Werfen von Bällen, Stöckchen, Frisbees, oder anderen Objekten beschäftigt werden sollten. Auch Hunden, die offensichtlich keine jagdlichen Ambitionen haben, kann über solches Hetzen das Jagen schmackhaft gemacht werden. Es gibt genug andere spannende Beschäftigungsmodelle, die sehr viel Spaß machen, den Hund auf sinnvolle Art und Weise auslasten und nicht zu fehlgeleitetem oder übersteigertem Beutefangverhalten führen. Dazu gleich mehr.

Im Folgenden möchte ich kurz auf die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Jagd- und Aggressionsverhalten zu sprechen kommen.
Grundsätzlich hat Jagdverhalten und Aggressionsverhalten nichts miteinander zu tun. Beides gehört zu einem eigenen Funktionskreis und wird in jeweils anderen Teilen des Gehirns abgehandelt.
Zum Aggessionsverhalten, das normalerweise eine Distanzvergrößerung zum Ziel hat, gehört in den meisten Fällen auch vorheriges Drohen, das eine Eskalation verhindern soll. Es wird also kommuniziert.
Beim Jagdverhalten dagegen soll keine Distanz geschaffen werden, sondern es ist darauf ausgelegt, die Distanz zur Beute möglichst schnell und effektiv zu verringern. Es findet also generell keine Kommunikation mit der Beute statt, sie wird möglichst schnell eingeholt, gepackt und getötet.
Trotz dieser verschiedenen Klassifizierungen von Jagd- und Aggressionsverhalten gibt es gewisse Überschneidungen. Oft spricht man hier von „Beuteaggression“.
Beuteaggression wird dann gezeigt, wenn Beute sich gegen den jagenden Hund stellt, und sich wehrt. Die Beuteaggression ist vor allem bei Jagdhunden züchterisch hervorgehoben worden, bei denen davon auszugehen ist, dass sie auf wehrhafte Beute treffen und sich gegen sie behaupten müssen.
Dackel und kleine Terrier, die sich in dunklen Höhlen und Gängen mit Füchsen oder Dachsen konfrontiert sehen, sollen sich dort genauso zur Wehr setzen, wie jene, die von einer gestellten Wildsau angegriffen werden.
Führende Verhaltensbiologen gehen davon aus, dass ein solches vermischtes Verhalten aus dem sogenannten „Interferenzwettbewerb“ entstanden ist. Dabei geht es nicht direkt um das Jagen von Beute, sondern um das Jagen und Töten von anderen im Revier vorhandenen Nahrungskonkurrenten. So machen Wölfe z.B. Jagd auf Kojoten oder andere Beutegreifer, die ihnen in kargen Zeiten ihre Nahrung streitig machen.

Dieser Teil der Jagdartikelreihe schließt mit einer Erkenntnis, die sich daraus ableiten lässt, wie das Selbstbelohnungssystem beim Jagen arbeitet – und zwar im Bezug auf sinnvolles „Antijagdtraining“.
Ein „Antijagdtraining“ sollte immer aus einem Maßnahmenpaket bestehen, das nicht nur am Symptom der Jagdhandlung selbst ansetzt, sondern umfassender greift.
Dazu gehört auch das Etablieren sogenannter Jagdersatzhandlungen.
Jagdersatzhandlungen bieten dem Hund die Möglichkeit, sein Talent kontrolliert und idealerweise mit seinem Menschen zusammen auszuleben. Sie sind Alternativen zur „echten“ Jagd, und wirken sogar beziehungsfördernd, wenn sie als Teamwork im Mensch-Hund-Team aufgebaut werden.
Der Bezug zum Selbstbelohnungssystem des Jagens ist der, dass ein Jagdersatzverhalten für den Hund eine ähnliche Dopaminausschüttung hervorrufen muss, wie beim wirklichen Jagen, denn sonst wird man einen jagenden Hund kaum davon überzeugen können, es als gleichwertige Alternative anzunehmen.
Tatsächlich ist es möglich, z.B. Über Fährten-, Dummy- oder sonstige Nasenarbeit (Zielobjektsuche bietet sich auch an) eine hohe Ausschüttung von Glückshormonen zu erreichen. Sorgt man neben dem Aufbau eines solchen Teamworks dafür, dass wirkliches Jagen nicht mehr stattfindet, tritt das eigenständig im Wald gezeigte Beutefangverhalten immer weiter in den Hintergrund, und das Jagdersatzverhalten wird immer wichtiger.
Weitere Tipps zum Antijagdtraining gibt es in einem späteren Teil der Blogartikelreihe über das Jagen.

Im nächsten Teil unserer Blogartikelreihe über das hündische Jagdverhalten wird es darum gehen, wie wichtig die Lernkomponente beim Jagen ist, an welcher Stelle Lernen das Jagdverhalten beeinflusst (wie entsteht Jagdpassion), und natürlich wieder, wie dies beim Antijagdtraining genutzt werden kann.

(c) Lennart Peters, www.miteinanderlernen.de
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Kategorie(n): Allgemein, Jagen, Training

Jagenden kann geholfen werden – Teil 2

The inner circle – Von der Suche nach dem auslösenden Reiz bis zur Endhandlung.

Im zweiten Teil meiner Artikelreihe über das Jagdverhalten soll es darum gehen, wie es ausgelöst wird, welche Verhaltensweisen dazugehören, und an welcher Stelle man den Hund noch erreichen – also unterbrechend und erzieherisch einwirken kann.

Hunde, die schon in irgendeiner Form gejagt haben – sei es wirklich Wild, oder auch andere bewegliche Objekte wie fliegende Bälle, Autos, Fahrräder, usw. (auch das ist Jagdverhalten), zeigen oft schon eine Erwartungshaltung, wenn sie in an die Orte kommen, an denen das Jagen stattgefunden hat.
Dies kann der Wald sein, im schlimmsten Fall schon alles, was hinter der Wohnungstür liegt. Diese Erwartungshaltung zeichnet sich dadurch aus, dass der Hund die Umgebung sehr aufmerksam „scannt“, außenorientiert ist und versucht über alle vorhandenen Sinnesorgane (Ohren, Nase, Augen) etwas zu finden, was gejagt werden kann.
Solches Verhalten nennt man „ungerichtete Appetenz“, die Suche nach dem auslösenden Reiz – und schon hier beginnt Beutefangverhalten.
In diesem Stadium des Jagens kann man den Hund noch erreichen. Als Halter eines jagenden Hundes tut man also gut daran, ihn „lesen“ zu lernen, und damit schon solches Appetenzverhalten zu erkennen. Wurden vorher bestimmte Grundlagen geschaffen, kann man diese nutzen, um die Appetenz zu unterbrechen, und damit das unter Umständen darauf folgende Jagen zu verhindern. (Welche das sind, wird später noch zur Sprache kommen).

Wie aber muss ein Reiz beschaffen sein, damit er Jagdverhalten auslöst?
Ein solcher Reiz vereint meistens eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Relevante Eigenschaften sind:

  • Bewegung (Bewegungsrichtung und –geschwindigkeit)
  • Gestalt / Größe-(Körper)temperatur

Geruch ist natürlich auch ein Jagdauslöser, unterliegt aber einer starken Lernkomponente (welche Gerüche sind jagdlich interessant, welche nicht?), wobei die anderen genannten Auslöser angeboren sind.
Dabei gilt: Je mehr passende Einzelkomponenten zusammenkommen, desto heftiger fällt die „Reizantwort“ (die Vehemenz des Jagens) aus (Reizsummation / Reizsummenregel). Wie wichtig und beachtenswert diese Regel ist, wird später noch erläutert werden.
Auch eine der Komponenten allein kann unter Umständen schon ausreichen, um eine Jagdsequenz auszulösen. Die Heftigkeit der hündischen Reaktion wird von der Qualität des auslösenden Reizes bestimmt.
Es ist biologisch übrigens nicht richtig, von JagdTRIEB zu sprechen, denn dann dürften NUR innere Antriebe des Hundes dafür verantwortlich sein, um Jagen auszulösen. Da aber immer auch „äußere“ Faktoren mitspielen, handelt es sich nicht um einen „Trieb“. „Handlungsbereitschaft“, „Jagdverhalten“ oder „Jagdmotivation“ wären richtigere Bezeichnungen.
Hat der Hund einen jagdauslösenden Reiz erst einmal wahrgenommen, beginnt er, eine Verhaltenskette abzuspulen, die genetisch festgelegt, also angeboren, ist, und einmal in Gang gesetzt nicht so leicht unterbrochen werden kann. Von außen auf den Hund wirkende Faktoren, die nichts mit der gerade stattfindenden Jagd zu tun haben, werden ab jetzt ausgeblendet.
Dieser sogenannte „Funktionskreis des Beutefangverhaltens“ besteht aus folgenden Einzelkomponenten:

Ungerichtete Appetenz
(Suche nach dem auslösenden Reiz)

Gerichtete Appetenz
(Taxis = Ausrichten auf den Beutereiz)

Gerichtetes Annähern
(Hund rennt los)

Zupacken

Töten

Fressen

Es müssen nicht zwangsläufig alle Komponenten dieser Kette gezeigt werden (bei vielen Rassen sind nur bestimmte Komponenten des Jagdverhaltens züchterisch hervorgehoben worden).

Das ungerichtete Appetenzverhalten wird generell ohne das Wahrnehmen eines Außenreizes gezeigt. Beim Wolf ist Hunger der Auslöser dafür, Haushunde zeigen es auch, ohne Hunger zu verspüren. Trotzdem sorgen gerade beim Hund Lernerfahrungen dafür, dass an bestimmten Orten diese Suche nach dem auslösenden Reiz in erhöhtem Maße gezeigt wird, nämlich da, wo er schon gejagt, und den damit verbundenen „Hormonkick“ erlebt hat.
Je weiter sich der Hund in der Handlungskette befindet, desto wichtiger werden ganz bestimmte äußere Reize (vom flüchtenden Beutetier ausgehend), um das nächste Element zu starten.

Befindet sich der Hund erst einmal im „gerichteten Annähern“, ist also losgelaufen, wird es schwierig bis unmöglich, ihn noch mit akzeptablen Mitteln zu erreichen. Ab hier bewegt er sich im schon in Teil 1 beschriebenen „Tunnel“, der alle nicht zum Verfolgen der Beute relevanten Sinneskanäle quasi „abschaltet“.
Das heißt wiederum im Umkehrschluss, dass die „gerichtete Appetenz“ die letzte Sequenz der Kette des Jagdverhaltens ist, in der noch auf den Hund zumindest hypothetisch eingewirkt werden kann, um das Jagen zu unterbrechen. Hypothetisch deswegen, weil sie sehr kurz sein kann – manchmal nur Bruchteile von Sekunden.

Realistisch gesehen ist also das Einwirken schon während der ersten Sequenz der Beutefangkette (der Suche nach dem auslösenden Reiz) das Mittel der Wahl!!

Zum Schluss des zweiten Teils meiner Jagdartikelreihe möchte ich noch auf die zwei unterschiedlichen Hundetypen zu sprechen kommen, die man unabhängig von angeborenen Rasseeigenschaften unterscheidet, wenn man von Jagdverhalten spricht – die „echten“ Jäger und die „Pseudo“ – Jäger.
„Echte“ Jäger machen keine Gefangenen. Ihnen kommt es auf die Endhandlung an, sie haben also das Bestreben, ihre Beute wirklich zu packen und zu töten. Sie jagen sehr ernsthaft, und fangen nach dem Töten auch an zu fressen, oder bringen die getötete Beute zum Halter. Besonders Hunde aus dem Tierschutz, die sich schon allein „durchschlagen“ mussten, können ernsthafte Jäger sein, denn das Jagen gehörte bei ihnen zum Nahrungserwerb. Genauso kann sich eine solche Ernsthaftigkeit durch frühen Beuteerfolg einstellen. „Echte“ Jäger sind nur schwer davon zu überzeugen, dass es Alternativen zum Jagen gibt. Es ist oft schwierig, mit ihnen ein „Anti“ – Jagdtraining zu gestalten, denn dazu ist es hilfreich, Beutefangverhalten „künstlich“ auszulösen (Reizangel, Hasenzugmaschine, oä.).
Sie erkennen oft aber sehr zuverlässig, dass es sich nicht um erlegbare Beute handelt und jagen sie deshalb gar nicht erst.

Die jedoch einmal in Gang gesetzte Kette des Beutefangverhaltens zu unterbrechen, ist bei diesen ernsthaften Jägern eine große Herausforderung – auch wenn der Hund sich noch in den ersten Sequenzen befindet.
Es macht trotzdem Sinn, auch bei „echten“ Jägern daran zu arbeiten, Beutefangverhalten zu kontrollieren und zumindest zu minimieren, denn auch wenn die Erfolgschancen geringer sind, als bei den „Pseudo“ – Jägern, so sind sie doch vorhanden.

Damit wären wir bei den sogenannten „Pseudo“ – Jägern. Ihnen kommt es weniger auf die Endhandlung an, sondern mehr auf das Hetzen sich bewegender Objekte. Es ist ihnen meistens nicht so wichtig, wem oder was sie hinterherlaufen – da sind sie sehr variabel. Sogar Autos oder LKW können von ihnen als auslösende Reize bewertet werden, und das Hetzen auslösen. Ist man mit einem Hund dieser Kategorie gesegnet, kann man sich glücklich schätzen, denn es bestehen sehr gute Erfolgschancen, ein nachhaltig wirkendes „Anti“ – Jagdtraining mit ihm durchzuführen.

Warum dies so ist, möchte ich unter anderem in Teil 3 meiner Jagdartikelreihe beschreiben.
Darin soll es darum gehen, welche tragende Rolle bestimmte Hormone beim Jagen spielen, was das für den Aufbau von alternativem Jagdersatzverhalten heißt, und welche Unterschiede und auch Zusammenhänge zwischen Jagen und Aggression bestehen.

(c) Lennart Peters, www.miteinanderlernen.de
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Kategorie(n): Allgemein, Jagen, Training

Jagenden kann geholfen werden – Teil 1

Fast alle Halter von jagenden Hunden kennen sie – die bangen Minuten, wenn die liebe Fellnase mal wieder im Wald verschwunden ist.
Warum musste dieser blöde Hase auch genau hier und jetzt über den Weg flitzen – da kann ja wirklich KEIN Hund widerstehen! 
Na ja – bis jetzt ist er ja immer zurückgekommen…
Irgendwann purzelt der kleine Jäger mit einem breiten Grinsen auf den Lefzen wieder aus dem Gebüsch und die Zufriedenheit, den Spaziergang mit dieser kleinen Jagdsequenz beendet zu haben, ist ihm deutlich anzusehen.

Solche oder ähnliche Geschehnisse spielen sich tagtäglich viele Male dort ab, wo Menschen mit ihren Hunden unterwegs sind. Darüber hinaus gibt es einige andere immer wiederkehrende Probleme mit Hunden, die sich mit (fehlgeleitetem) Beutefangverhalten begründen lassen.
Weil das Jagdverhalten unserer besten Freunde nicht nur dafür sorgen kann, dass sich kleine kuschelige Fellbündel scheinbar in einem Blutrausch verlieren, sondern auch vielen Hundebesitzern die Nerven raubt, habe ich mich entschlossen, darüber eine kleine Blogartikelreihe zu schreiben. Sie soll helfen, solches Verhalten zu verstehen, einzuordnen und zumindest Ideen geben, wie man darauf reagieren kann.
Los geht es mit Teil 1: 
Tief verwurzelt – warum jagt ein Hund eigentlich?
Ein Hund sieht eine vermeintliche Beute, läuft ihr hinterher, und versucht sie zu bekommen. Auf den ersten Blick ganz logisch… oder?
 Die wenigsten Hunde müssen jagen, um satt zu werden. Futter steht normalerweise ausreichend zur Verfügung, so dass das Jagen zur Nahrungsbeschaffung nicht mehr notwendig ist. 

Warum jagen so viele Hunde trotzdem? Sollte die Evolution nicht während der Domestikation (also der Abspaltung des Hundes von seinen wolfsähnlichen Vorfahren) dazu geführt haben, dass Jagen bei unseren heutigen Haushunden nicht mehr vorkommt? Schließlich ist ein wichtiger Grund, warum die damaligen Caniden zu Hunden geworden sind vermutlich der, dass sie in Menschennähe ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfanden, das das Erlegen von Beute quasi unnötig machte.
Meiner Ansicht nach gibt es zwei Gründe dafür, dass das Beutefangverhalten nach wie vor zur genetischen Grundausstattung von Hunden gehört:
1. Jagdverhalten ist ein so altes Erbe, dass die Evolution einfach noch nicht genug Zeit hatte, es auszuradieren. Daher ist es in wirklich jedem unserer Hunde vorhanden.
Das ist aber für mich nicht der Hauptgrund dafür, dass so viele Hunde eine sehr hohe Motivation besitzen, Beutefangverhalten zu zeigen.
2. Den Hauptgrund haben wir Menschen uns wahrscheinlich selbst zuzuschreiben, indem wir mit züchterischer Auslese systematisch die Anpassungsvorgänge der Natur untergraben haben und das immer noch tun. Das zeigt sich auch darin, dass immer wieder bestimmte Rassen damit in Verbindung gebracht werden können.
Wir produzieren Spezialisten, deren Talente oft im Bereich des Jagdverhaltens liegen. Das mag seine Berechtigung haben, wenn solche Hunde verantwortungsvoll in dem ihnen zugeschriebenen Aufgabenbereich eingesetzt werden. Werden sie jedoch als Familienhunde gehalten, verselbständigen sie sich oft innerhalb ihrer Anlagen und es gibt die bekannten Probleme.

Die erste Erkenntnis, die wir daraus ziehen können, ist die, dass jagende Hunde nichts dazu können, dass sie jagen. Sie jagen nicht, um uns Hundehalter zu ärgern, oder weil sie ungehorsam sind, sondern weil sie nicht anders können. Ich finde diese Erkenntnis sehr wichtig im Umgang mit Hunden, deren Passion im Jagen liegt, denn sie hilft dabei, es ihnen nicht übel zu nehmen, nicht böse auf sie zu sein! 
Sie folgen einem inneren Antrieb, einer Motivation, die ihren Ursprung in einer Zeit hat, als das Jagen überlebenswichtig war.
Seht in Euren jagenden Hunden keine ignoranten Viecher, sondern habt immer im Hinterkopf, dass sie gerade nicht anders können. 
Auch wenn ich später noch ausführlicher darauf eingehen möchte, ist an dieser Stelle schon mal anzumerken, dass es vorrangig KEIN Beziehungs- oder gar Bindungsproblem ist, wenn ein Hund jagen geht. Ein Hund, der gerade jagt, ordnet alle anderen Verhaltensweisen dem unter. Deswegen hat man, ist er einmal gestartet, keinen Zugriff mehr auf ihn, da er sich in einer Art „Tunnel“ befindet, der dafür sorgt, dass nur noch das Sinnesorgan mit Signalen zum Gehirn vordringt, das gerade für das Verfolgen der Beute relevant ist. Das sind meistens die Augen, oder aber die Nase. 
Die Ohren sind in solchen Momenten unwichtig, weshalb kein noch so laut gerufenes Kommando zum Gehirn vordringt.
Das Beutefangverhalten von Hunden mit in die Erziehung einzubeziehen, es für den Vierbeiner gar nicht erst so wichtig werden zu lassen, oder aber auch schon im Hund festgesetztes Jagdverhalten wieder zurück zu entwickeln, ist eins der spannendsten und gleichzeitig schwierigsten Themen im Hundetraining. Um dies hin zu bekommen ist etwas Wissen um die Dinge, die sich im Hund abspielen, während – oder schon kurz bevor – er jagt, meines Erachtens nach unumgänglich. Bitte verzeiht mir daher meine Ausführlichkeit zu diesem Thema. Ihr werdet sehen, wie sich am Ende alles zu einem „Großen Ganzen“ zusammenfügt.

Im nächsten Teil meiner kleinen Blogartikelreihe wird es darum gehen, welche Verhaltensweisen zum Beutefangverhalten gehören, womit Jagen tatsächlich schon anfängt, und an welcher Stelle man noch erzieherisch eingreifen kann.
(c) Lennart Peters, www.miteinanderlernen.de
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Kategorie(n): Allgemein, Jagen, Training

„Das eine störende Verhalten“

oder: Wie alles ein großes Ganzes ergibt.

Wer kennt das nicht: Dieses EINE Verhalten an seinem Hund, das man so gerne in den Griff bekommen möchte. So hören wir auch im Trainingsalltag häufig die Aussage: „Eigentlich ist er total unproblematisch…nur das Verhalten XY stört.“
Nehmen wir als Beispiel einen Hund, der eigentlich problemlos mitläuft, der aber, sobald er einen anderen Hund sieht, Augen und Ohren für seinen Halter verschließt und auf den anderen Hund zustürmt, ungeachtet, was sein Mensch hinter ihm für Anstalten macht, dieses zu unterbinden.
Der Wunsch des Hundehalters ist natürlich, dieses Problem zu lösen. Die Erwartungshaltung entsprechend, dass beim Training genau an diesem Thema gearbeitet wird – am besten sofort und ohne Umschweife.
Dieses ist aber nicht immer ausreichend, bzw. sinnvoll.
Warum?
Als „Betroffener“ sieht man oft nur das eine, beschriebene Thema. Ein Außenstehender, z.B. ein guter Trainer, sieht aber das „große Ganze“ bei einem Mensch-Hund-Team.
In der Kombination Mensch-Hund geht es nämlich selten um ein Thema. Vielmehr ist dieses ein Ausdruck für die gesamte Kommunikation und Konstellation -und in dieser gibt es häufig andere Störfaktoren, die an anderer Stelle zu finden sind.

Um einige Beispiele zu nennen:

  • Von einem Hund, der sich bereits im Haus aufspult, weil er so aufgeregt ist nach draußen zu kommen, kann man draußen keine ruhige Leinenführigkeit erwarten.
  • Ein Hund, der nicht von einer Schnüffelstelle abrufbar ist, wird sich nicht beim Anblick eines Hasen zu seinem Menschen umdrehen.
  • Ein Hund, der seinen Menschen an der Leine ausblendet, wird nicht auf ein „Stop“ hören, wenn er einen anderen Hund sichte.
  • Ein Hund, der sich auf das Kommando „Sitz“ ins „Platz“ legt, und merkt, dass dieses durchgeht, wird auch an anderer Stelle schauen, wie ernst Ansagen wirklich zu nehmen sind…

Die Reihe kann endlos fortgeführt werden.

Es ist daher wichtig, die zusammenhängenden Faktoren zu betrachten sowie den Ursprung zu erkennen und sich zu fragen: „Wo fängt das störende Verhalten wirklich an?“
Bleiben wir beim Beispiel des an der Leine ziehenden Hundes: Hier setzt ein Training, wenn es wirklich etwas verändern soll, nicht mit der Leinenführigkeit draußen an, sondern stattdessen im Haus, nämlich damit, dass der Hund auch beim Anlegen des Halsbands Ruhe einhält…
Bei dem Hund, der beim Anblick eines anderen Hundes die Ohren verschließt und „durchstartet“ übe ich konsequenten (!) Rückruf zunächst dort, wo die Reizlage niedrig ist und es noch keine anderen Hunde gibt und steigere die Reizlage langsam über Stellvertreterkonflikte, so das mein Hund überhaupt anfängt, mich wahr- und ernst zu nehmen und den Rückruf wieder als verbindlich und nicht als „Richtlinie“ erlebt.
Dabei gilt: „Schludere“ ich hier bei der Konsequenz, weil ich meine, dass es ja z.B. nicht so darauf ankommt, ob mein Hund beim ersten, zweiten oder dritten Mal Rufen kommt, weil es ja nur um eine Schnüffelstelle geht, lernt mein Hund nur dadurch, dass mein Rückruf nicht ernst zu nehmen ist. Lasse ich ständig „Sitz“ statt „Platz“ durchgehen, erlebt mein Hund, dass Kommandos dafür da sind, flexibel interpretiert zu werden – und versteht demnächst statt „Hier“ vielleicht „Lauf“… Smilie: ;)

Es bleibt daher: Es ist selten das „eine“ Verhalten. Wenn man ganz genau hinschaut, sieht man eine Reihe von Faktoren, die miteinander zusammenhängen und ein Ganzes bilden. Will man also ein Verhalten nachhaltig verändern, so ist es Unsinn (und meist unmöglich!) das „eine“ Verhalten isoliert vom Rest zu betrachten. Es gilt, alles im Blick zu haben, und dann an den richtigen (!) Stellschrauben zu drehen – und die liegen oft bereits dort, wo wir sie noch gar nicht vermuten – nämlich ganz an der Basis….

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
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„Der will doch nur spielen – oder?“

 – Anzeichen von Mobbing erkennen und unterbinden

Ein wirklich schöner Sonntag auf der Hundewiese: Die Sonne scheint, es sind bekannte Gesichter da, man plaudert über dieses und jenes, und die Hunde vergnügen sich derweil auf der Wiese. Einfacher und netter kann man seinen Hund doch nicht auslasten, zumal es ihm doch so viel Spaß macht, oder?
Allzu leicht deklariert man gemeinsames Umherlaufen als ein schönes Laufspiel, dabei interpretieren wir das Geschehen häufig völlig falsch: Während wir noch glauben, dass die Hunde miteinander spielen, findet dort schon Mobbing statt.

Aber was genau ist Mobbing und wie können wir es erkennen?

Um Mobbing erkennen zu können, ist es sinnvoll, zunächst auf die Merkmale von Spiel zu schauen.
Spiel ist geprägt von:

  • Wechselseitigkeit und Rollentausch: Der Jäger wird auch mal zum Gejagten und andersherum.
  • Die Hunde zeigen Spielsignale, indem sie sich z.B. selbst in eine unterlegene Position bringen (Vorderkörpertiefstellung, absichtliches Langsamwerden, Kehle präsentieren)
  • Die Hunde zeigen Übertriebenheit in Bewegungen (so genannte Luxusbewegungen), Mimik (Spielgesicht) bzw. Lautäußerungen.

Bei Mobbing hingegen fehlen die genannten Signale. 
Die Bewegungen sind nicht übertrieben, sondern effizient. Die Hunde begeben sich zudem nicht freiwillig in eine unterlegene Position.
Am deutlichsten erkennt man aber Mobbing auch daran, dass es sich durch Unausgewogenheit auszeichnet. Diese kann sich auf mehrere Faktoren beziehen:
Unausgewogenheit ist zum Bespiel dann vorhanden, wenn mehrere Hunde einen einzelnen Artgenossen hetzen. Hier gilt häufig der Spruch: „Drei sind einer zu viel“. Achten Sie daher gut darauf, ob sich ein Spiel verändert, wenn zu zwei spielenden Vierbeinern ein dritter hinzustößt.
Unausgewogen ist ein Sozialkontakt aber auch dann, wenn über einige Zeit kein Rollentausch stattfindet. Beobachten Sie, ob immer nur ein Hund der Jäger oder der Gejagte ist und ob dieses Miteinander auch wirklich beiden Hunden Spaß macht. Es gibt Hunde, die gerne den Hasen mimen – achten Sie aber darauf, ob auch der Jäger noch weiß, dass der Hase eigentlich ein Artgenosse ist; denn teils startet ein Jagd-„Spiel“ in freundlicher Absicht, kann aber aufgrund der ausgeschütteten Hormone kippen und so „ruppig“ werden.

Ein wichtiger Indikator, ob Ihr Hund sich noch wohl fühlt, ist zudem, ob er möglicherweise Schutz bei Ihnen sucht. Versteckt sich Ihr Hund hinter Ihren Beinen? Und wenn ja: Was tut er dort? Schießt er von dort immer wieder hervor und hält das Spiels selbst am Laufen? Oder verkriecht er sich dort und versucht nur, sich vor den „Angriffen“ des anderen Hundes zu schützen?
Ist letzteres der Fall, begehen Sie bitte nicht den Fehler und gehen davon aus, dass „die das schon unter sich ausmachen.“ Ihr Hund zeigt ein absolut erwünschtes Verhalten: Er sucht in einer Notsituation Schutz bei Ihnen. 
Das Schlimmste, was Sie tun könnten, ist, ihm diesen nicht zu gewähren. So lernt er nur, dass er sich in Problemsituationen nicht auf Sie verlassen kann. Eindruck hingegen machen Sie, wenn Sie eine Konfliktsituation für Ihren Vierbeiner lösen können. Dazu können Sie natürlich zunächst mal den anderen Hundebesitzer ansprechen, und ihn darum bitten, seinen Hund zu sich zu nehmen. Ist dieser nicht einsichtig, oder vielleicht gar nicht in Sichtweite, trauen Sie sich, den anderen Hund durch Ihre Körpersprache (aufgerichtet, auf den Hund zu) und Stimmeinsatz wegzuschicken.
Diese Erfahrung wird dazu führen, dass Ihr Hund sich auch zukünftig an Sie wenden wird, wenn er ein Problem hat.
Andersherum: Haben Sie selbst einen Hund, der zeitweise gerne mobbt (und diese Exemplare sind nicht selten), sorgen Sie dafür, dass er sich Artgenossen gegenüber neutral bis freundlich verhält, bzw. nehmen Sie ihn ggfs. aus der Situation, wenn er sich einen (mental) schwächeren Artgenossen als Opfer sucht.

Bei allem bleibt: Abhängig von Alter, Rasse und individuellem Charakter haben viele erwachsene Hunde kein Interesse (mehr) daran, mit jedem fremden Hund zu spielen.
Kontaktaufnahme mit unbekannten Artgenossen bedeutet immer auch Stress, der je nach Individuum unterschiedlich gut oder weniger gut verkraftet wird. 
Wichtiger als die Quantität der Hundebegegnungen ist aber immer die Qualität. Vielen Hunden tut man also eher einen Gefallen damit, wenn man in einer Gruppe mit bekannten Hunden spazieren geht, statt auf der Hundewiese ständig neue „Freunde“ zu suchen.

Beobachten Sie also sorgfältig Ihren Hund, wenn Sie mit ihm auf eine stark frequentierte Hundefläche gehen: Fühlt er sich dabei wohl, wenn er auf viele neue Hunde trifft? Macht sich dieses z.B. in seiner Körperhaltung bemerkbar? Läuft er sicher und freudig auf andere Hunde zu? Oder geht er eher geduckt? Kann er in Hundebegegnungen „bestehen“, oder wird er häufig zum Opfer? Oder „stänkert“ Ihr Hund selbst gern und zettelt Streit an?
Indem Sie diese Fragen ehrlich beantworten, können Sie am besten herausfinden, ob das Konzept Hundewiese für Ihren Hund überhaupt geeignet ist.
Bedenken Sie: Selbst, wenn Ihr Hund sozial kompetent und sicher ist, wissen Sie nicht, auf was für ein Gegenüber er dort trifft.
Daher halten Sie ein waches Auge darauf, was zwischen den Hunden passiert und trennen Sie gegebenenfalls, wenn sich Ihr Hund dabei nicht wohl fühlt.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de

Kategorie(n): Allgemein, Irrtümer in der Hundeerziehung, Spiel, Training

Wenn Hunde völlig übersättigt sind

Immer wieder treffe ich in meinen Trainings auf Hunde, die sich draußen nur schwerlich motivieren lassen, etwas gemeinsam mit ihrem Halter zu tun. Ihre Menschen erzählen mir, dass sie sich weder durch Spielzeug, noch durch ein körperaktives Spiel mit ihrem Besitzer, und auch nicht durch Futter aktivieren lassen.
Teils sind diese Hunde übergewichtig. So sollte man meinen, Futter wäre ihnen durchaus wichtig und sie ließen sich durch dieses motivieren. Tun sie aber nicht. Drinnen fressen sie gern. Draußen lassen sie die Fleischwurst links liegen.
Wie passt das zusammen?

Diese Hunde sind übersättigt. Wortwörtlich. Und dieses Phänomen der „Übersättigung“ muss sich keinesfalls nur auf Futter beziehen.
Es gibt Hunde, die haben einfach alles: Sie haben ein sicheres Zuhause, werden geherzt und gestreichelt, wann immer sie es einfordern, haben stets einen gefüllten Napf in der Küche stehen, zeigen ihrem Halter an, wann sie spazieren gehen wollen (und erreichen prompt, dass ihr Mensch sich eilig die Schuhe anzieht), dürfen frei durch alle Räume spazieren, entscheiden, wann sie in den Garten wollen und wann lieber wieder ins Haus, wann sie spielen möchten und so weiter und so fort.
Auf dem Spaziergang jedoch stellen sie die Ohren auf Durchzug. Sie kommen, wann es ihnen bliebt, machen ab und an einen kleinen Jagdausflug allein und wenn sie wiederkommen, spucken sie ihrem Menschen das Leckerchen vor die Füße – es war nämlich nicht das Super-Leckerlie, sondern nur das reguläre Trockenfutter. Selbst einige Tierschutzhunde, die sich auf der Straße selbst ernähren mussten und sicher zeitweise Mangel erlebt haben, rümpfen die Nase über die falsche Sorte Käse.
Ihre Halter finden keinen Zugriff auf den Hund – sie geben sich reichlich Mühe, ihm alles zu geben, was er braucht und womit er sich wohl fühlt, laufen bald mit frischem Pansen durch die Gegend, damit ihr Hund sie beachtet – aber der Erfolg stellt sich nicht ein. Warum nur ignoriert ihr Hund sie so?
Die Antwort ist: Weil sie sich selbst dieses Problem – unbewusst – herangezüchtet haben. Ein Hund, der alles hat, muss sich um nichts bemühen. Warum auch?
Ich möchte das ganze anhand eines menschlichen Beispiels verdeutlichen:
Ein Kind hat ein Zimmer voller Spielsachen. Sie quellen aus den Regalen heraus und im Bett ist kaum noch Platz vor lauter Kuscheltieren. Wenn das Kind nach Chips verlangt, setzt sich der Vater in den Wagen und fährt zum Supermarkt. Wenn es einen Gegenspieler für die Spielkonsole braucht, rast der Vater in der Mittagspause nach Hause und setzt sich neben das Kind zum Spielen. Wenn es die Gemüsesuppe mittags nicht essen möchte, macht seine Mutter ihm Pizza.
Irgendwann bittet die Mutter das Kind, den Müll rauszubringen. Und erntet ein „Nö, kein Bock; mach selber.“ Und das, obwohl sie doch so viel für das Kind tun…
Wie könnten die Eltern damit umgehen?
Nun, sie könnten probieren, das Kind auf einer moralischen Ebene anzusprechen: „Ach bitte, das kannst Du doch einmal für mich tun. Wir tun auch so viel für Dich.“ Wenn sie Glück haben, dann hat das Kind Einsicht.
Wenn nicht, wäre eine Möglichkeit, das Kind zu erreichen, ihm Privilegien zu entziehen bzw. Konsequenzen aufzuzeigen. Sie könnten verfahren nach dem Prinzip: „Du bringst zu erst dann Müll raus, dann spiele ich mit Dir.“
So könnte das Kind auf Dauer lernen, dass es bestimmte Rechte nur hat, wenn auch auch Pflichten erfüllt – übrigens eine sehr wichtige Lektion für’s weitere Leben. Smilie: ;)

Zurück zum Hund. Auch in der Mensch-Hund-Beziehung sollte es bestimmte Pflichten geben, die ein Hund zu erfüllen hat – zum Beispiel, (weitestgehend) zuverlässig zum Menschen zurück zu kommen, bzw. in seiner Nähe zu bleiben. Ein Hund, der aber völlig übersättigt ist, stets zur Verfügung hat, was er möchte, sieht nicht unbedingt die Notwendigkeit dazu. Dieses lässt sich häufig auch bei Tierschutzhunden beobachten, die sich lange Zeit ohne den Menschen „durchschlagen“ mussten und daher die Nähe zum Menschen nicht unbedingt brauchen.
Einem Hund kann man auf moralischer Ebene nicht begegnen. Auch kann man ihm nicht, anders als einem Kind, Konsequenzen à la „Wenn – dann“ erklären. Aber man kann einrichten, dass der Hund zwar mit allem versorgt ist, was er braucht, damit er gut und zufrieden leben kann, aber ohne, dass er es in ständigem Überfluss zur Verfügung hat. Denn es bleibt – wenn er alles hat, warum sollte er sich anstrengen?

In der Praxis könnten Veränderungen, damit der Hund sich wieder mehr an seinem Menschen orientiert, so aussehen:
1) Etwas, das selbstverständlich sein sollte: Ich achte darauf, dass mein Hund kein Übergewicht bekommt – hat er dieses bereits, reduziere ich die Futterration. Ein Hund, der gut genährt ist, aber nicht übergewichtig ist, lässt sich normalerweise auch mit Futter belohnen und motivieren.
2) Ich wechsle nicht ständig die Futtersorte, weil mein Hund nach zwei Tagen entscheidet, dass er nun etwas anderes haben möchte. So kann man sich leicht Futtermäkler heranziehen, die ihr Futter stehen lassen, weil sie es gewohnt sind, dass ihnen dann etwas anders, besseres gereicht wird.
3) Ich stelle meinem Hund die Futterration nicht immer komplett im Haus zur Verfügung (und lasse den Napf schon gar nicht dauerhaft stehen), sondern gebe ihm Teile davon auf den Spaziergängen bei gemeinsamen Aktivitäten (zum Beispiel aus dem Futterbeutel, bei Suchspielen etc.).
4) Ich gehe nicht auf jede Spiel- oder Kuschelaufforderung meines Hundes ein, wenn es mir gerade eigentlich nicht passt. Das hat nichts mit „Dominanztheorie“ zu tun, oder damit, dass der Mensch generell immer entscheiden sollte, wann ein Spiel stattfindet. Der Hund darf es genauso. Aber ich nehme mir auch mal das Recht heraus, eine Aufforderung abzulehnen.
5) Ich entscheide, wann ein Spaziergang stattfindet, und werde nicht nervös oder hektisch, weil mein Hund meint, er müsse nun raus, weil wir schon 5 Minuten über die gewohnte Gassi-Zeit sind.
6) Spielzeug muss nicht ständig zur Verfügung stehen. Ich gebe es meinem Hund dann, wenn wir uns gemeinsam damit beschäftigen – im Idealfall draußen, um Spaziergänge spannend zu gestalten.
Dieses ist nur eine exemplarische Aufzählung an Möglichkeiten, mit diesem Typ Hund umzugehen, um wieder ein gesunde Basis herzustellen.

Es geht mir nicht darum, dass ein Hund „kleingehalten“ werden soll und nicht ausreichend Zuneigung, Futter oder Beschäftigung bekommt. Ich bin der Meinung, dass ein Umdenkprozess stattfinden sollte, wenn ich einen Hund habe, der sich draußen durch nichts motivieren lässt und eigenständig „sein Ding“ macht. Für ein Zusammenleben mit diesen Hunden kann es hilfreich sein, Ressourcen und Rechte (zeitweise) einzuschränken, damit sie sie wieder als Privilegien und nicht als selbstverständlich erachten. So lässt sich die Orientierung am Menschen verbessern und gemeinsame Spaziergänge machen wieder Spaß. Das Ziel soll sein, dass Gassigänge wirklich gemeinsam stattfinden – und nicht so, dass der Hund selbständig Ausflüge macht und der Halter frustriert allein im Wald steht.
All das setzt jedoch voraus, dass ich mir das Recht gebe, meinem Hund Grenzen zu setzen und Privilegien einzuschränken. Das sollte uns kein „Bauchweh“ bereiten, im Gegenteil: Wir kennen doch wohl alle das Gefühl, dass wir etwas besonders zu schätzen wissen, das wir uns erarbeitet haben – z.B. etwas, auf das wir lange sparen mussten und für das wir hart gearbeitet haben. Dinge, die uns einfach „zufallen“, schätzen wir nicht unbedingt so sehr. Ähnlich ist es beim Hund.

Dieses ist keine Pauschalweisheit, die für jeden Hund gilt. Wenn Du allerdings einen Hund hast, auf den die Beschreibungen zutreffen, und der Dich draußen für alles andere „stehen lässt“, könntest Du überprüfen, ob für ihn überhaupt der Anreiz besteht, sich für etwas anzustrengen – oder ob Du es ihm vielleicht in gutem Glauben im Überfluss schenkst.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
(Darf unter Angabe des Copyrights gern geteilt werden.)

Kategorie(n): Allgemein, Führung, Training

„Mein Hund ist ignorant…“ – von Kommunikationsproblemen und falschen Interpretationen

Wie viele von uns kennen das Szenario: Man ruft seinen Hund – und er kommt nicht. Vielleicht kommt er nach dem zweiten Mal, oder dritten Mal rufen – vielleicht muss man ihn irgendwann an Ort und Stelle abholen.
Warum er nicht gehört hat ist ja wohl eindeutig: Er war ignorant! Oder…?
Dieses ist eine oft vorschnelle – und falsche – Interpretation.

Natürlich entscheidet sich ein Hund schon mal, nicht dem Rufen seines Menschen nachzukommen, weil er gerade etwas anders zu tun hat – zum Beispiel eine spannende Marke abzuschnuppern. Es kann aber auch einen ganz anderen Grund haben, warum ein Hund nicht kommt; und dieser liegt nicht beim Hund – sondern beim Menschen.
Mensch und Hund kommunizieren unterschiedlich. Während wir Menschen vornehmlich über unsere Lautsprache kommunizieren, nutzen Hunde schwerpunktmäßig ihre Körpersprache.
Gerade „Hundeneulinge“ sind sich dessen nicht bewusst. Aber auch „alte Hasen“ in der Hundeszene unterschätzen oft die Bedeutung der eigenen Körpersprache, wenn sie mit ihren Hunden umgehen.
Hunde beobachten uns den ganzen Tag und versuchen, unseren Bewegungen und unserer Körperhaltung Bedeutung zu entschlüsseln. Viele Hunde halten uns irgendwann für „Körperkläuse“, weil das, was wir sagen, oft nicht mit dem übereinstimmt, was unsere Haltung ausdrückt. So blenden einige Hunde das aus, was wir körpersprachlich vermitteln (weil sie diesem keine Bedeutung entnehmen können), und reagieren auf das, was wir lautsprachlich sagen (also z.B. Kommandos).

Es gibt aber durchaus Hunde, z.B. sehr sensible Vertreter, oder solche aus dem Tierschutz, die bislang mit Menschen als Sozialpartner wenig Erfahrung gemacht haben, die sehr genau auf unsere Körpersprache achten, auch, wenn diese in Diskrepanz – und entsprechend darauf reagieren.
Dieses kann z.B. der Fall sein, wenn wir so einen Hund rufen. Wie sagen das Kommando „Hier.“, aber unsere Körpersprache drückt etwas Gegensätzliches aus. Wir schauen dabei z.B. dem Hund in die Augen und stehen frontal zu ihm. In der menschlichen Kommunikation drücken wir damit höfliche Kommunikationsbereitschaft aus – nicht aber in der hündischen. Wenn ein Hund einen anderen direkt anschaut, dann selten mit einem freundlichen Hintergrund. Es signalisiert unter Hunden nicht: „Komm her.“, sondern vielmehr: „Bleib’ weg, oder es könnte Stress geben.“
So kann ein Hund, der sehr sensibel für unsere Körpersprache ist, in die Bredouille kommen, nicht zu wissen, was er tun soll: Dem Wortkommando folgen – oder lieber an Ort und Stelle zu bleiben, damit es nicht zu einem Konflikt kommt?!
Ein sensibler Hund entscheidet sich so vielleicht für letzteres. Und bleibt stehen.
Was tun wir Menschen? Wir interpretieren vorschnell, glauben, der Hund wolle nicht kommen und rufen abermals. Vielleicht ärgern wir uns auch noch, weil der Hund nicht tut, was er soll, obwohl er doch das Kommando „Hier.“ kennt. Also mischt sich Ärger in unsere Stimme, wir werden etwas lauter, vielleicht lehnen wir uns mit unserem Oberkörper noch vor – und erreichen damit, dass der Hund sich „bestätigt“ fühlt, vielleicht doch lieber dort zu bleiben, wo er ist. Dabei verhält er sich also überhaupt nicht ignorant, sondern eher deeskalierend.

Diesen Konflikt kann man vermeiden, indem man seine Körpersprache in Einklang bringt mit der lautsprachlichen Äußerung. Möchte ich, dass mein Hund kommt, lade ich ihn nicht nur verbal, sondern auch mit meinem Körper ein. Während eine frontale Ausrichtung mit direktem Blickkontakt aus hündischer Sicht bedrohlich ist, ist eine defensive Haltung einladend. Wenn mein Hund auf mein Kommando hin zu mir schaut, gehe ich ein bis zwei Schritte rückwärts. Meinen Blick wende ich dahin, wohin ich meinen Hund bewegen möchte, nämlich vor meine Füße. Sollte mein Hund noch „in der Schwebe“ hängen und nicht wissen, was er tun soll, gehe ich zusätzlich in die Hocke, wobei ich auch dort eine defensive Haltung einnehme, d.h., meine Schulter vom Hund abgewandt ist, ich also leicht seitlich hocke. So zeige ich meinem Hund sowohl laut-, als auch körpersprachlich eindeutig, was ich von ihm möchte.
Dieses ist nur ein Beispiel, wie sich menschliche und hündische Kommunikation unterscheiden und wie es dadurch zu Missverständnissen kommen kann.

Um diese Missverständnisse zu vermeiden, ist ein erster Schritt, sich klarzumachen, dass diese Unterschiede bestehen. Im zweiten Schritt ist es sinnvoll, sich mit hündischem Ausdrucksverhalten zu beschäftigen und die entsprechenden Erkenntnisse in den täglichen Umgang mit dem Hund einfließen zu lassen.
Nicht zuletzt ist es wichtig, nicht vorschnell zu interpretieren, wenn ein Hund nicht das tut, was er soll („Der ist ignorant.“), sondern erst einmal zu überlegen, was die Ursachen dafür sein könnten. Denn, wenn wir die wahren Ursachen erkennen, können wir an diesen fair und nachhaltig arbeiten.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
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Kategorie(n): Allgemein, Führung, Training

Seelenfreund

Worte sind unzulänglich, wenn man Liebe beschreiben möchte. Sie können nur grob umreißen, was tief im Herzen verankert ist, sich dort ausbreitet wir eine wohlig warme Decke, unter die man sich auf ewig zurückziehen möchte….

Es gibt den Spruch „Ein Hund ist der einzige Freund, den man sich für Geld kaufen kann.“ (Fritz Herdi)
Ich finde den Spruch nicht richtig.
Man kann sich die Freundschaft eines Hundes nicht kaufen. Zum Glück nicht, denn keine erkaufte Freundschaft ist wahre Verbundenheit.
Gerade deswegen ist die Freundschaft mit einem Hund so einzigartig und ehrlich. Er ist bereit sie Dir zu schenken, wenn Du ihn gut behandelst. Wenn Du Dich auf ihn einlässt. Dann schenkt er Dir seine Zuneigung, seine Liebe. Einfach so.

Er schenkt Dir das, wonach wir alle streben: Er nimmt Dich an, wie Du bist.
Er tröstet Dich, wenn Du traurig bist. Trocknet Deine Tränen. Heitert Dich auf.
Er wärmt Dir Deine kalten Füße im Winter, wenn er sich vor Deinen Beinen zusammenrollt.
Er sieht Dich voller Liebe an, an Tagen, an denen Du selbst nicht in den Spiegel schauen möchtest.
Er verzeiht Dir Deine Fehler. Er sieht Dir Deine Launen nach.
Du musst Dich vor ihm für nichts schämen, weil Du für ihn perfekt bist.
Er weckt das innere Kind in Dir, wenn Du Dich mit ihm auf dem Boden kugelst im wilden Spiel.
Er durchschaut Dich mit einem Blick durch seine Murmelaugen. Du kannst ihn nicht täuschen, weil er spürt, wie es Dir geht. Fernab von Worten.
Er nimmt Dir Deine Einsamkeit, wenn Du auf den Telefonanruf eines Menschen wartest.
Selbst ein regennasser Tag wird hell, wenn Du mit ihm zusammen auf der Couch liegst.
Er ist bereit, zu vergessen, was mal war und sich immer wieder neu auf Dich einzulassen.

Er ist ein treuer Freund auf vier Pfoten, der Dich nicht belügt. Stets ehrlich ist, Dir vertraut, Dir folgt. Er schenkt Dir alles, was er hat und fordert dabei so wenig.
Er bringt uns der Natur näher und lehrt uns Respekt vor anderen Lebewesen. Er hat Eigenschaften, die wir an vielen Menschen vermissen und stellt uns so vor die Frage, warum der Mensch sich für die Krone der Schöpfung hält.

Wie kann man so ein Lebewesen nicht lieben?, frage ich mich.
Wie kann man sich von so einem freundlichen Wesen nicht berühren lassen, tief im Herzen?
Wie kann man glauben, Hunde seien nur Reiz-Reaktions-Roboter, die Sitz, Platz, Fuß absolvieren und perfekt funktionieren müssen?
Wie kann man bereit sein, diese Wesen umzubringen? Sie zu vernachlässigen? Sie zu quälen?
Zu erwarten, dass sie uns verstehen, ohne dass wir bereit sind, sie zu verstehen? Ohne ihre Bedürfnisse zu sehen oder ihre Sprache zu erlernen?

Es bricht mein Herz zu sehen, wie oft sie missverstanden werden.
Wie oft sie schlecht behandelt werden.
Der Mensch hat sich den Hund als treuen Freund herangezogen. Sie sind einen Pakt eingegangen, dass sie einander helfen und unterstützen. Der Hund hält sich stets daran.
Der Mensch nicht.
Das unterscheidet Hund von Mensch.
Und das ist der Grund, warum ich meinem Hund bedingungslos vertraue, dass er für mich da ist – sein Leben lang.
Einen Menschen zu finden, dem Du so vertrauen kann – das ist eine Seltenheit.
Einen Menschen zu finden, der Dich annimmt, wie Du bist, der für Dich da ist, Dich umsorgt, Deine wahren Gefühle außerhalb von Worten wahrnimmt – das ist rar.
Ein jeder Hund ist aber bereit, das zu tun.

Ich glaube, Menschen, die Hunde nicht mögen, sind mit sich selbst nicht im Reinen. Vielleicht können sie nicht glauben, dass sich ihnen ein Wesen vorbehaltlos nähert.
Sie einfach annimmt, wie sie sind. Ohne, dass sie eine Gegenleistung bringen müssen.
Vielleicht haben sie Angst vor einem fremden Wesen, das sie mit einem Blick durchschaut, ihre Fehler sieht und sie dennoch liebt.

Ich wünschte mir, es müssten keine Texte geschrieben werde, um die Liebe zu einem Hund zu beschreiben – weil ein jeder wüsste, was diese bedingungslose Liebe bedeutet.
Es würde die Welt zu einer besseren machen.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
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Kategorie(n): Allgemein

Warum Over-Entertainment mehr schadet als nutzt

In einem großen Hundeforum gibt es den Thread „Was habt Ihr heute mit Euren Hunden gemacht?“ Dort wetteifern die Nutzer, wer seinen Hund mehr entertained:
„Morgens anderthalb Stunden Spaziergang mit ein bisschen Apportieren, mittags kleine Schnüffelspielchen im Garten, abends eine Runde Agility auf dem Hundeplatz und abends noch eine „kleine“ Löserunde von einer Stunde mit ein paar Unterordnungsübungen.“, solche Beschreibungen finden sich dort zuhauf.

Ein Traum-Hundeleben?

In Diskrepanz zu diesem scheinbaren Traum habe ich zunehmend mehr Hunde im Training, die nervös sind, hibbelig, nicht abschalten können. Die keine Ruhe finden, Fehlverhalten entwickeln, Bewegungsreizen hinterhergehen – ungeachtet, ob es Schmetterlinge, rollende Bälle oder Radfahrer sind. Die beim Spaziergang völlig außenfokussiert sind und für ihren Besitzer nicht ansprechbar.

Zufall? Mit Sicherheit nicht.

Ich behaupte, das größte Problem ist, dass Hunde heutzutage zu viel beschäftigt werden.
Während Hunde vor einiger Zeit vor allem das Bewachen von Haus und Hof hatten und sonst nur „nebenher“ gelaufen sind, haben Sie an Bedeutung als Sozialpartner und Familienmitglied gewonnen. Als solche möchten wir sie selbstverständlich zufrieden stellen und ihren (vermeintlichen) Bedürfnissen nachkommen. So gehen wir davon aus, dass unsere Vierbeiner, damit sie sich nicht langweilen (und weil es dem Menschen natürlich auch Spaß macht), ordentlich Programm brauchen.

Montags Agility, Dienstags Obedience, Mittwoch Mantrailing, Donnerstag Apportieren, am Freitag eine Stunde Hundeschule….und daneben noch Spaziergänge, auf denen die Vierbeiner ebenfalls beschäftigt werden – das ist keine Seltenheit.
Gerade Besitzer von „Arbeitshunden“, die als Familienhunde an Beliebtheit gewonnen haben, bekommen früh gesagt: „Oh, DEN musst Du aber auslasten.“ Ja, das ist richtig.

Auslastung ist wichtig. Ruhephasen aber genauso. Und das ist der entscheidende Knackpunkt.

Das Ruhebedürfnis eines Hundes liegt bei ca. 17-20 Stunden pro Tag. Diese Zeit braucht der Hund zur Regeneration, damit das körpereigene Stresssystem „herunterfahren“ kann und ein Hund ausgeglichen ist. Zu viel und zu schnelle Auslastung fahren einen Hund „hoch“ – hat er zu wenig Ruhezeit, kann das Gehirn kein chemisches Gleichgewicht herstellen – der Hund wird unausgeglichen und findet keine Ruhe.
Die verbleibende Wachzeit von 4 – 7 Stunden ist wohlgemerkt aber nicht gleichzusetzen mit Aktivitätszeit, in der der Hund beschäftigt werden sollte.
Zur Wachzeit zählen auch Phasen, in denen der Hund in der Wohnung mit seinem Menschen die Räume wechselt, draußen im Garten liegt und Außenreize wahrnehmen und darauf reagieren kann etc.
Ruhephasen hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass der Hund auch wirklich ruht und nicht immer wieder mit Reizen konfrontiert wird. Das heißt, dass ein Hund, der an den Arbeitsplatz mitgenommen wird, dort nicht unbedingt seinem Ruhebedürfnis nachkommen kann.

Häufig haben Hundehalter, wenn sie einen hibbeligen Hund haben, das Gefühl, sie müssten ihn noch mehr auslasten. Also wird der Spaziergang verlängert, oder eine zusätzliche Aktivität eingebaut. Oftmals sind die verwundert, dass auch mit diesen Maßnahmen der Hund noch nicht ausgelastet genug scheint, und nehmen weitere Aktivitäten dazu.
Dabei ist das Problem oft nicht, dass der Hund zu wenig macht, sondern schon längst zu viel. Durch weitere Aktivitäten bekommt der Hund noch weniger Ruhe – und sein Stresssystem kann sich noch weniger regenerieren. Die Symptome verschlimmern sich immer weiter.

Was der Weg aus der Problematik ist?

Zunächst einmal sollte das tägliche Programm deutlich reduziert werden:
Kleinere Runden, weniger Aktivitäten, längere Ruhephasen. Lassen Sie Ihren Hund auf Spaziergängen auch einfach mal Hund sein und in Ruhe „Zeitung“ lesen, beschäftigen Sie ihn nicht zusätzlich mit Spielzeugen, Unterordnungsübungen etc.
Des Weiteren sollten Sie kontrollieren, dass Ihr Hund im Haus auch wirklich zur Ruhe kommt, z.B. durch das Schicken auf eine Decke oder gegebenenfalls den Einsatz eines Kennels.
Schnelle Spiele (besonders Ball-/Frisbeespiele) sollten durch wohl dosierte, ruhige Teamarbeit oder Schnüffelspiele ersetzt werden. Schnelles Agility kann durch ruhige Gerätearbeit ersetzt werden.

Viele Halter machen sich Sorgen, dass Ihr Hund diese Umstellung nicht ertragen kann, ohne völlig aufzudrehen. Es kann tatsächlich kurz zu einer „homöopathischen Erstverschlimmerung“ in den ersten Tagen kommen. Halten Sie trotzdem dieses Programm mehrere Wochen durch! Sie werden überrascht sein, dass Ihr Hund, statt aufzudrehen, darunter entspannen kann. Auf Dauer kann das Programm dann wieder langsam und wohl dosiert (!) erhöht werden. Wenn Sie merken, dass Ihr Hund wieder unruhiger wird, reduzieren Sie es wieder.

Prophylaktisch können Sie immer mal „Langeweile-Tage“ einbauen, an denen Sie nur kurze Runden ohne viel „Bespaßung“ mit Ihrem Hund gehen. Auch solche Tage sollten von Ihrem Hund auszuhalten sein, ohne, dass er „nörgelig“ wird. Dabei brauchen Sie auch kein schlechtes Gewissen zu haben – ganz im Gegenteil – denn:
1.) Ist für uns auch nicht jeder Tag ein Sonntag. Auch wir haben Tage, die nicht unseren Traumvorstellungen entsprechen(z.B. Arbeitstage Smilie: ;) ) und müssen uns mit diesen arrangieren – das darf Ihr Hund somit also auch.
2.) Tun Sie sich selbst damit einen Gefallen z.B. für den Fall, dass Sie einmal krank sind und für einige Tage keine größeren Runden gehen können. Hat Ihr Hund gelernt, dass es auch Tage ohne viel Action gibt, kann er dieses besser tolerieren, ohne, dass er Ihnen die Wohnung umgestaltet.

Wie viel Aktivität einem Hund generell gut tut, kann nicht pauschal gesagt werden und ist im Einzelfall zu prüfen. Einige Hunde sind extrem schnell „hochzufahren“, bei diesen sollte besonders auf nur kurze Aktivitätsphasen und hingegen lange Ruhephasen geachtet werden.
Andere Hunde können hervorragend zur Ruhe kommen – bei diesen ist die Gefahr geringer, dass sie zu „Beschäftigungsjunkies“ werden.

Wenn Sie einen Hund haben, der generell sehr hibbelig ist, trotz allerlei Auslastung nicht zur Ruhe kommt, scheinbar immer mehr fordert oder gar problematisches Verhalten entwickelt, begehen Sie nicht den Fehler, weiteres Programm „aufzufahren“.

Möglicherweise machen Sie nicht zu wenig – sondern in gutem Glauben zu viel.

Kategorie(n): Allgemein, Gesundheit, Training