Wie der Herr, so ’s Gescherr – Die Rolle des Menschen in der Mensch-Hund-Beziehung

Nein, die Aussage meint nicht nur die äußerliche Angleichung von Gesichtszügen und Frisur. Smilie: ;)
Tatsächlich verbirgt sich hinter der Aussage weitaus mehr.

Wenn wir den Charakter eines Hundes beschreiben und einschätzen wollen, dürfen wir nicht nur den Hund als einzelnes Individuum betrachten.
Er ist geprägt von Genetik und Vorerfahrungen, auf die wir nicht immer Einfluss hatten bzw. haben.

Aber natürlich prägt auch die aktuelle Lebenssituation den Vierbeiner.
Ein Hund ist keine „Insel“, genauso wenig wie ein Mensch. Ein Hund lebt in einem Netz von sozialen Beziehungen, sowohl zu anderen Hunden, als auch zu seinem Mensch bzw. seinen Menschen. Gerade der Mensch hat dabei großen Einfluss auf das Verhalten seines Hundes, insbesondere, je länger und intensiver diese Beziehung besteht.

Wie kommt es dazu?
Hunde beobachten uns den ganzen Tag – und nehmen unsere Stimmungen wahr. Je ausgeglichener wir sind, so sehr sind es auch unsere Vierbeiner. Andersherum: Je angespannter wir sind, desto mehr sind sie es.

Haben wir Stress, übertragen wir dieses auf unseren Hund. Er spürt unsere Angespanntheit, kann sie aber nicht richtig einordnen und verarbeiten. An anderer Stelle sucht er sich dafür ein Ventil.

Ein Beispiel:
Frau X hat Streit mit ihrem Mann. Sie argumentiert lautstark mit ihm und beschließt, als sie merkt, dass der Konflikt im Moment nicht gelöst werden kann, ihren Frust abzubauen, indem sie mit dem Hund spazieren geht. Sie geht in den Wald, löst die Leine und ihr Vierbeiner rennt schnurstracks auf einen entgegenkommenden Artgenossen zu und pöbelt diesen an – obwohl er eigentlich keine Probleme mit anderen Hunden hat.

Verwunderlich? Nicht wirklich. Ihr Hund hat natürlich den Konflikt und die hochgekochten Emotionen wahrgenommen. Er kann keinen Einfluss auf die Klärung nehmen und auch nicht kognitiv verarbeiten, warum es Streit gab. Das baut auch beim Hund Stress auf, für den er ein Ventil braucht. Im genannten Beispiel war es der herannahende Hund. Ohne, dass sich der Vierbeiner von Frau X damit auseinandergesetzt hat, um was für einen Artgenossen es sich überhaupt handelt, hat er ihn „attackiert“ – und damit Frust abgelassen.

Das ist nur ein Beispiel, wie sich Stimmungen übertragen. Von diesen gibt es zahlreiche, die Sie immer wieder im Alltag mit Ihrem Hund finden können, wenn Sie das Verhalten ihres Hundes reflektieren.

Um nur einige weitere zu nennen:
– Ihr Hund fängt an, in der Wohnung Gegenstände anzunagen, obwohl er es vorher nicht getan hat. Während Sie überlegen, woher es kommt, fällt Ihnen ein, dass er genau damit angefangen hat, seit Sie Stress bei der Arbeit haben.
– Ihr Hund wirkt im Winter niedergeschlagen und schwer zu motivieren. Denken Sie mal nach: Sind sie auch eher „winterdepressiv“?
– Ihr Hund entfernt sich auf Spaziergängen plötzlich immer weiter von ihnen und scheint sich wenig an ihnen zu orientieren. Hängen Sie vielleicht gerade besonders ihren Gedanken nach? Oder sind Sie gerade mit sich selbst unzufrieden und mögen Sich momentan selbst nicht leiden?

Bei den genannten Beispielen ging es um situative Verhaltensangleichungen. Natürlich gibt es auch Verhaltensanpassungen, die „stabiler“ über einen längeren Zeitraum geschehen.

Ich kenne eine Frau, die als Mädchen sexuell missbraucht wurde und seitdem (verständlicherweise) ein Problem mit Männern, insbesondere fremden Männern, hat. Sie hat inzwischen den zweiten Hund, der bei Begegnungen mit Männern auf der Straße angespannt reagiert, in die Leine springt und sie anbellt. Zufall? Nein.
Wir übertragen eigene Grundmuster auf den Hund.

Wie kommt es dazu?
Diese Frau, nennen wir sie Frau Y, begegnet auf der Straße einem fremden Mann. Vielleicht ist es gerade auch noch dämmerig und sie ist mit ihrem Hund relativ allein auf der Straße. Sie verkrampft sich etwas, ihr Atem verändert sich, ihr Gang; sie hält sie Leine nur ein wenig fester, Stresshomone werden ausgeschüttet: All diese kleinen Veränderungen reichen, um dem Hund zu signalisieren: „Mit dem stimmt etwas nicht.“ Wenn dieses wieder und wieder passiert, generalisiert der Hund die Erfahrung und leitet daraus die „Regel“ ab: Männer sind gefährlich. Dieses geschieht automatisch und muss vom Besitzer gar nicht bewusst wahrgenommen werden.

Auch zu längerfristigen Verhaltensanpassungen gibt es zahlreiche Beispiele:
– Ihr Hund mag es nicht, von Fremden gestreichelt zu werden. Haben Sie selbst ein Problem mit distanzlosen Menschen?
– Oder freut sich ihr Hund über jeden anderen Hund und jeden Menschen? Wie sieht es mit Ihnen aus: Sind sie auch im Einklang mit der Welt und sich selbst?

Bei all dem, was an Verhaltensangleichung stattfindet, gilt es natürlich auch zu betrachten, dass man sich meist auch einen Hund aussucht, der zu einem passt. Einige Menschen reflektieren dieses bei ihrer Hundeauswahl, für andere ist es nur ein „Bauchgefühl“, das dazu führt, dass man sich einen Hund aussucht, der von seinem Charakter her dem Menschen ähnlich ist.

Es gibt allerdings auch genau das Gegenteil, nämlich, dass ein Hund Dinge auslebt, die sich sein Mensch selbst nicht zugesteht. Ein Halter, der selbst also ein regelrechtes „Arbeitstier“ ist und sich wenig Entspannung gönnt, kann also durchaus einen Hund haben, der sich wenig motivieren lässt und eher „faul“ ist – oder aber einen Vierbeiner, der die „Leichtigkeit des Seins“ genießt und gerne herumtobt.

Während dem Menschen sehr ähnliche Hunde so genannte „Spiegelhunde“ sind, weil sie den Charakter des Halters widerspiegeln, spricht man bei den Hunden, die ganz anders sind als ihr Mensch von „Schattenhunden“.

Fazit
Nicht bei allen Verhaltensweisen eines Hundes kann man automatisch Rückschlüsse auf den dazugehörigen Menschen ziehen. Natürlich ist und bleibt der Hund ein Individuum, das geprägt ist von genetischen Grundzügen und Vorerfahrungen. Letztere fallen insbesondere bei Tierschutzhunden bzw. Hunden, die zuvor bei anderen Haltern gelebt haben, ins Gewicht.
Dennoch ist es wichtig, wenn wir einen Hund betrachten und einschätzen (auch, bzw. insbesondere bei störenden Verhaltensweisen), dass wir den dazugehörigen Menschen im Blick haben. Deswegen ist es auch in der Arbeit mit Mensch-Hund-Teams wichtig, die Beziehung von Halter und Vierbeiner zu betrachten. Es kommt immer wieder vor, dass am Symptom beim Hund „herumgedoktert“ wird, obwohl die Ursache beim Menschen liegt. Dieses zu erkennen, ist unsere Pflicht, damit wir dem Hund gegenüber fair sind – und nachhaltig Verhaltensänderungen schaffen können.

Bei allem bleibt: Was für wunderbare Wesen unsere Hunde sind, denn sie geben uns die Chance, uns in ihnen zu erkennen – und uns so für sie zu einem besseren zu verändern.

(c) Johanna Pelz, www.miteinanderlernen.de
Alle Texte unterliegen meinem Copyright. Sie dürfen mit entsprechender Urheberrechtsangabe (Name und Webseite) gerne geteilt werden.

Kategorie(n): Allgemein

3 Antworten auf Wie der Herr, so ’s Gescherr – Die Rolle des Menschen in der Mensch-Hund-Beziehung

    Andrea Doerken sagt:

    Die meisten Punkte die du ansprichst,kann ich bestätigen und habe es auch bei meinem Hund beobachtet
    Lustigerweise ist mein Albino Pepe ein Schattenhund.
    Die schwarze Evi hingegen,leider mein Spiegelhund.So schusselig und trampelig sie auch rüber kommt,so sensibel ist sie auch.
    Sie spiegelt meinen beruflichen Streß durch Unruhe,vermehrtes bellen und hektisches Verhalten
    Sie junkst bei Ehekrach und steht bellend vor Pepe,1 Min. bevor Pepe aufsteht und brechen muss.
    Genau genonen verbirgt sich hinter ihrer rauen Schale,ein hochsensibler Kern,mit feinen Antennen für Zwischentönen♥…..wie ich Smilie: ;-)in meiner Familie gelte ich als Mimose,obwohl ich stark ( mental ) bin.

    Michi Mocki sagt:

    100% erkannt! Mein Spiegelhund, der jede meiner Stimmungen reflektiert und mir immer wieder eindrucksvoll zeigt, wie‘ s mir eigentlich geht!
    Entweder wir hängen beide unseren „Gedanken“ nach oder arbeiten beide konzentriert. Dazwischen gibts kaum was.
    Die kennen uns besser als wir glauben!

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