Irrtum 6: Hunde wollen mit allen Artgenossen spielen

Irrtum:
Viele Hundehalter gehen davon aus, dass ihr Hund mit vielen anderen Artgenossen spielen möchte. So verabreden sie sich mit anderen Haltern auf Hundewiesen, lassen die Hunde toben und halten dabei ein Pläuschchen. Das klingt an sich nach einer schönen Idee – zumindest für die Halter. Aber wie geht es den Hunden wirklich damit? Wie viel Spiel und Spaß ist es für die Vierbeiner – und wie viel Stress bedeutet es für sie?

Richtigstellung:
Eigentlich ließe sich das Thema mit einem Satz abhandeln: Es kommt auf die Qualität der Hundebegegnungen an – nicht auf die Quantität. Und woraus sich die Qaulität ergibt, liegt nicht nur in der Veranwtortung des Hundes. Aber rollen wir das Thema mal langsam auf:

Es gibt Stimmen in der Hundeerziehung, die davon ausgehen, dass das Zusammensein mit dem Menschen das Höchste für einen Hund ist und den Kontakt zu anderen Hunden unnötig macht. Davon möchte ich mich klar distanzieren! Hunde sind hochsoziale Lebewesen, die den Kontakt mit Artgenossen brauchen. Doch der Umkehrschluss, dass jede Hundebegegnung zu ausführlichem Beschnuppern oder Spielen führen muss, ist ebenso falsch.

Wie so oft stimmt weder das eine, noch das andere Extrem. Der Wunsch vieler Hundehalter ist, dass sich ihre Hunde mit möglichst vielen, am besten allen anderen Hunden verstehen – sie sollten jedoch kritisch hinterfragen, ob der Hund dieses Bedürfnis teilt. Smilie: ;)

Besorgte Hundehalter gehen oft bereits mit ihren Welpen in Spielstunden, um den entspannten Umgang mit anderen Hunden zu üben. Sind die Welpengruppen gut geführt, leistet der Halter einen wichtigen Beitrag, seinen Vierbeiner optimal zu sozialisieren. Sind die Gruppen jedoch zu groß und die Trainer damit überfordert, die Kontakte kontrolliert zuzulassen (aufgrund der Gruppengröße oder unzureichender Kenntnisse über hündisches Verhalten – ja, das gibt es leider auch unter Trainern) – und gegebenfalls in schwierigen Situationen zu splitten, wird das Gegenteil erreicht: Der Welpe macht u.U. traumatische Erfahrungen mit anderen Hunden und wird eingeschüchtert, statt in seiner Entwicklung gestärkt.

Zurück zu hündischen Begegnungen im Allgemeinen. Begegnungen erwachsener Vierbeiner finden selten ganz konfliktfrei statt. In der Annäherung wird immer „abgecheckt“, um was für einen Artgenossen es sich handelt. Informationen werden aufgenommen: Ist es ein erwachsener Hund? Ist es ein Rüde? Eine Hündin? Ein potentielles Objekt der Begierde? Oder ein möglicher Konkurrent?
Natürlich gibt es Hunde, die sorglos, mit freundlichen Absichten auf andere Hunde zustürmen – schön, wenn der Artgenosse das in Ordnung findet. Ein wenig schwierig aber, wenn dieser sich stattdessen z.B. in seiner Individualdistanz verletzt fühlt und das dann dem anderen (mehr oder weniger deutlich) mitteilt.

Diese kleinen Konflikte sind natürlich, gehören zur hündischen Kommunikation und sind daher zunächst einmal nicht weiter besorgniserregend. Ein Großteil der Annäherungen läuft ohne große Probleme ab und wird durch Imponiergehabe bzw. auf der anderen Seite durch Gesten sozialer Demut gelöst – das kann ruppig aussehen, doch selten kommt es zu Beschädigungen.

Schwierig wird es dann, wenn ein unsicherer Hund sich nicht gegen einen penetranten Verehrer oder einen „Krawallmacher“ wehren kann – oder sich mehrere Hunde zusammentun, um einen einzelnen zu „mobben“. Und manchmal sieht es noch harmlos aus – dabei ist die Sitaution dabei, ernsthaft zu „kippen“.
Zu verbreitet ist noch der Glaube: „Die machen das unter sich aus!“
Natürlich bedarf nicht jeder Konflikt der Unterbrechung durch den Menschen. Dennoch gilt es, ein wachsames Auge auf die Hunde zu haben – und gegebenfalls einzuschreiten. Dazu ist Wissen über Kommunikationsverhalten notwendig: Eine erhobene Rute ist eben nicht immer ein Zeichen von Freude…

Wichtig ist, den eigenen Hund einschätzen zu können. Habe ich einen Hund, der sich gern mit Artgenossen umgibt und mit diesen ausgelassen tobt – prima. Dennoch ist es meine Verantwortung, sehen zu können, ob der andere Hund ein ähnliches Anliegen hat. Sonst kann es schnell zu Auseinandersetzungen kommen.
Vielleicht habe ich aber auch ein Exemplar, das eher unsicher im Umgang mit anderen Hunden ist. Für so einen Hund kann ein Spaziergang über eine stark frequentierte Hundewiese ein wahrer Graus sein. Ich muss ihn deswegen zwar nicht in „Watte packen“ – aber ich muss gewährleisten, ihn kontrolliert sozial sicheren Hunden auszusetzen, die ihn nicht unterdrücken, sondern neutral bis freundlich mit ihm umgehen.

Wie bereits erwähnt, setzt eine richtige Wahrnehmung der Situation Wissen über Kommunikationsverhalten von Hunden, und besonders über die Bedürfnisse des eigenen Hundes, voraus.
Hinzu kommt, dass ich Begegnungen aufmerksam beobachte. Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich mit anderen Hundehaltern zu verbreden und die Vierbeiner laufen zu lassen – so lange ich a) weiß, dass mein Hund diese Begegnungen als angenehm empfindet; b) ich die anderen Hunde gut kenne und weiß, dass sie dieses ebenso empfinden oder c) bereit bin, ein Gespräch zu unterbrechen – und möglicherweise auch zu beenden, um meinen Hund aus der Situation zu nehmen, wenn er in ernstzunehmende Konflikte gerät.
Merke ich, dass ich mit meiner Aufmerksamkeit nicht überall gleichzeitig sein kann, ist es fairer, zunächst einen Spaziergang mit voller Konzentration mit meinem Hund zu verbringen – und mich anschließend mit anderen Menschen gemütlich auf einen Kaffee zu treffen.

Kategorie(n): Allgemein, Irrtümer in der Hundeerziehung, Spiel

18 Antworten auf Irrtum 6: Hunde wollen mit allen Artgenossen spielen

  1. Ja, Johanna. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer….alles drin.

  2. Liebe Inga.
    Dem ist nichts hinzuzufügen…außer: Danke <3

  3. Hallo,
    ich habe die Seite heute erst entdeckt!
    Ich finde deine Berichte klasse, weiter so! Wir können einiges von dir lernen Smilie: ;)
    Kannst dir ja mal meine Seite ansehen wenn du magst!
    Viele Grüße aus dem Schönen Hochdahl (Neandertal )
    Egon

    https://www.facebook.com/HunderasseIrishWolfhound?bookmark_t=page

      Johanna Pelz sagt:

      Hallo Egon!

      Lieben Dank für Dein schönes Feedback.
      Ich habe in Deine Seite reingeklickt – einen tollen Wuffel hast Du da!
      Irische Wolfshunde sind wirklich beeindruckende Hunde. Smilie: :)

      Herzliche Grüße aus Köln!
      Johanna

  4. Liebe Johanna das trifft den Nagel auf den Kopf. Hättest du etwas dagegen wenn ich mir diesen Artikel kopiere? Habe grade Stress mit einer anderen Hundehalterin und es geht genau um dieses Thema.
    Lieben Gruß Annette

    • Liebe Annette,

      vielen Dank für Dein Feedback.
      Gern darfst Du den Artikel unter Berücksichtigung des Copyrights (also Nennen der Quelle mit Webadresse) weiterschicken!
      Ich freue mich, wenn er Verbreitung findet! Smilie: :)

      Liebe Grüße,
      Johanna

    Christine Möller sagt:

    Liebe Johanna,
    ich hatte früher eine treue Schäferhündin und jetzt neu wieder eine Kleine mit 5 Monaten. Ich wusste und weiß genau: wenn gespielt wird habe ich die Hunde im Auge und nicht jeder Hund kann mit jedem Hund spielen.
    Aber täglich einmal zu hören- die machen das unter sich aus – und täglich einmal dazwischen gehen zu müssen, hat mich völlig aus der Bahn geworfen.Vor allem weil die Besitzer ein Nein zum Spiel gar nicht hören wollen und auch selber das wildeste Spiel nicht stoppen. Stattdessen gibt’s oftmals noch ein Leckerli wenn der Hund dann endlich herkommt. Danke nochmals für Deine Erklärungen, ich werde in Zukunft noch standhafter bleiben und Deine Seite weiterempfehlen.

      Johanna Pelz sagt:

      Hallo Christine,
      vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Ich freue mich, dass Dich der Artikel bestärkt hat. Ich bin mir sicher, Du hast ein gutes Bauchgefühl dafür, wann es Deinem Hund in einem Kontakt mit Artgenossen gut geht und wann nicht. Die Menschen, die behaupten „Die machen das unter sich aus.“ sind meist entweder die Besitzer der mobbenden Hunde und sehen daher kein Problem – oder können ihren eigenen Hund nicht lesen und wissen daher nicht, wann sie einschreiten müssen. Gerade letzteres ist besonders bedauerlich für die Hunde, die negative Erfahrungen mit Artgenossen machen, dabei nicht von ihrem Menschen geschützt werden und irgendwann Problemverhalten entwickeln – entweder durch besondere Ängstlichkeit, oder durch die Bereitschaft, selbst mal „nach vorn“ zu gehen… Aber das möchten die wenigsten dieser Halter hören – deswegen müssen sie die Erfahrung wohl selbst machen. Schade für die Hunde, die darunter leiden müssen.

      Herzliche Grüße und mach‘ weiter so. Smilie: :) Alles Gute für Dich und Deine Hündin!

  5. Hallo Johanna,

    vielen Dank für deine tollen Beiträge, mir als Ersthundebesitzer helfen die wirklich sehr. Denn obwohl ich mich vorher in Büchern belesen habe bin ich oft unsicher. Ich habe eine Leonbergerhündin (10 Wochen) und bin mir oft nicht im klaren darüber ob ich wenigstens das meiste richtig mache.

    Könntest du vielleicht ein wenig über die Welpenphase schreiben? Dinge die unbedingt notwendig sind oder die man auch erst beachten muss wenn sie schon etwas älter ist? Ich habe das Gefühl das gerade am Anfang viele Dinge zu tun sind und weiß nicht ganz genau wo die Prioritäten liegen.

    Vielen Dank und viele Grüße, Romy

      Johanna Pelz sagt:

      Hallo Romy,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und das schöne Feedback.
      Über den Umgang mit Welpen kann ich leider nicht „mal eben so“ einen Artikel schreiben, da dieses Thema äußerst umfassend ist.
      In diesem Fall macht es Sinn, eine kompetente Hundeschule vor Ort aufzusuchen, weil dort ein Trainer direkt auf Deinen Hund und Dich schauen kann und so individuell passende Tipps zum Umgang geben kann.

      Herzliche Grüße,
      Johanna

  6. Liebe Johanna,

    mit großer Freude habe ich deinen Artikel auf meiner FB-Seite mit Link auf diese Webside geteilt. Super geschrieben, alle Punkte mit drin. Sachlich, frei von Vorwürfen, leicht verständlich. Ich bin begeistert!

    Mit herzlichen Grüßen aus dem Ruhgebiet,

    Tina

  7. Super Beitrag. War mit unserem Beauceron Rüden auch mal in so einem Gruppentreff. Lief alles gut bis ein Staffordshiremischling meinte er müsse den Chef rauskehren. Und sein Frauchen nach dem Tenor – das machen sie schon unter sich aus. Danach habe ich die Gruppe aufgegeben.

    annett binger sagt:

    Wir hatten das Glück eine super hundeschule an unserer seite zu haben. Dank des geführten welpen Spiels und den folgenden Trainings ,haben wir einen entspannten „erstHund.“ Auch finden immer wieder Seminare über die Kommunikation der hunde statt.das war und ist fur uns sehr hilfreich. Dein bericht spiegelt das gelernte wieder.ich bin begeistert. Gibt es doch bei so manchen Spaziergängen Hundehalter die ihre Hunde auf jeden loslassen…ohne Absprache
    …da hilft nur ein entsetztes rufen: nein ..der ist krank!!!

    Angelika Sternberg sagt:

    Hallo Johanna,
    Der Beitrag ist super. Unsere Deutsche Pinscher Hündin ist 1,75 Jahre alt und fängt an andere Hunde anzuzicken. Durch deinen Artikel hab ich verstanden, dass ihr die Anderen wohl zu aufdringlich sind und ihren Individualabstand verletzen. Dagegen setzt sie sich zur Wehr. Auch habe ich schon geführte Hundetreffs mit ihr besucht, war aber unsicher, ob ich ihr was Gutes damit tue. Sie ist zwar viel gerannt mit den unterschiedlichsten Hunden, hat aber immer wieder Zuflucht zwischen menschlichen Beinen gesucht und anfangs ist sie mit eingeklemmter Rute auf den Platz geschlichen. Das hat sich dann zwar geändert aber so richtig wohl hat sie sich wohl nicht gefühlt, ich glaube, sie wurde zu arg bedrängt. Ich war wohl auch zu lang dort, aber wenn man 7 Euro dafür bezahlt, geht man nicht nach einer Viertelstunde wieder…..
    Dein Artikel hat mir die Augen geöffnet und mein Bauchgefühl bestàrkt. Vielen Dank dafür.

      Johanna Pelz sagt:

      Hallo Angelika,
      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich freue mich, dass ich Dich in Deinem Bauchgefühl bestärkt habe und wünsche Euch weiterhin alles Gute! Smilie: :)

      Herzliche Grüße,
      Johanna

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